Full text: Lenin, Vladimir Ilʹič Ulʹjanov

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Im Anschluß an den Kongreß vertieften sich die Meinungsver- 
schiedenheiten zwischen „Bolschewisten“ und „Menschewisten‘“ mehr 
und mehr, besonders nahmen sie ganz verschiedene Stellungen zu 
den Liberalen ein. Martow und Lenin legten dazu ihre Anschauungen 
in besonderen Broschüren nieder 1!) und bald trennten sich die Frak- 
Hhonen, auch Plechanow schwenkte zu den Menschewisten um. Alle 
Vermittlungsversuche scheiterten! Dennoch war der Erfolg des 
Darteitages, daß jekt anstatt vieler sozialdemokratischer Einzel- 
gruppen zwei festgefügte Parteien in der Arbeiterbewegung Ruß- 
lands bestanden. Der leitende Geist der Bolschewiki aber blieb von 
nun an Lenin. Er wurde ihr einziger, wahrer Parteiführer. 
Die Einstellung Lenins, die in den Mehrheitsbeschlüssen der 
Tagung 1903 ihren Ausdruck fand, hatte ungeachtet der vielen An- 
griffe, die sıe (auch von marxistischer Seite aus) auslöste, ihre histo- 
risch sichere und einwandfreie Begründung, wie später selbst 
menschewistischerseits anerkannt wurde ?). Lenin ging von der Vor- 
aussebung aus, daß die Arbeiterbewegung stark zum Trade-Unionis- 
mus neige, deshalb müsse, meinte er, „der Sozialismus von außen her in 
sie hineingebracht‘“ werden, um sie auf den revolutionär-marxistischen 
Weg zu lenken. Diese Aufgabe könnte nur ein kleiner Zirkel 
theoretisch durchgebildeter, erprobter und miteinander harmonieren- 
der Revolutionäre bewältigen. Der natürliche Schluß war dann der, 
daB dieser „revolutionäre Zirkel‘ sich die ausschlaggebende Leitung 
(der an sich spontanen) Arbeiterbewegung zur Lösung aller, der 
nächstliegenden politischen, wie auch der sozialistischen Prinzipien- 
irrtümlich. Sie widerspricht auch vollständig jeder marxistisch-revolutionären 
Einstellung, die den individuellen Mord verurteilt. — Wir haben auch vorher 
gesehen, daB der Programmpunkt von der „Diktatur des Proletariats“ keine 
Eigentümlichkeit Lenin’s darstellt, und daB hierin sich Lenin mit Plechanow 
ım Einverständnis befand, erklärte sich doch auch der KongreB einstimmig 
für das Programm, also auch für den Sab über die Diktatur. Zinovev zitiert 
sogar auf S. 91/92 seiner Geschichte einige zustimmende Säbe über diesen 
Degriff aus einer Rede Plechanow’s, des Begründers des russischen Marxismus, 
11) Vergleiche die russischen Schriften von Lenin: „Sag vpered, dva 
Saga nazad“. Zeneva 1904. (Ein Schritt vor, zwei zurück.) Und „Dv& 
taktiki socialdemokraty v demokr. revoljucii“. Zeneva 1905. (Die zwei sozial- 
demokratischen Taktiken in der demokratischen Revolution.) Den mensche- 
wistischen Standpunkt in Martov: „Rabodee de&lo v Rossii“, Zeneva 1903 (Die 
Arbeitersache in Rußland), in deutscher Sprache: Lydin: „Material . . .‘“, das 
vom bolschewistischen Standpunkt aus geschrieben ist, und die Artikel der 
Russen in der „Neuen Zeit“, Stuttgart 1903 u. 1904, die alle dem mensche- 
wistischen Lager entstammen. 
12) Siehe „Die Lage der Sozialdemokratie in Rußland“. Herausgegeben 
vom „Boten“ des Organisationskomitees der Sozialdemokratischen Arbeiter- 
partei Rußlands. Berlin 1912. S. 6ff. 
Dio-Bibliographische Beiträge: Staatswissenschaften 2.
	        
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