HAUPTAUSSCHUSSITZUNG PY lan
DES REICHSVERBANDES DER DEUTSCHEN IND ) STRIE: Si
Mittwoch, den 1. April 1925 / vormittags 10 Uhr \VZ
im Gebäude des Reichswirtschaftsrats zu Berlin. wu Kiel»
An
Vorsitzender Herr Geheimer Regierungsrat
Prof. Dr. C, Duisberg:
Meine sehr geehrten Herren vom Haupt:
ıusschuß! Als wir vor 4 Wochen zu einer
Ausschuß-Sitzung hier versammelt waren,
wurden wir durch den plötzlichen Tod des
xeichspräsidenten Friedrich Ebert über-
‚ascht und in tiefe Trauer versetzt. Nach-
dem wir seiner anerkennend und ehrend ge:
dacht, brachen wir unsere geschäftliche
Sitzung ab und gaben auch für die den
Abend in Aussicht genommene Ehrung für
Dr. Sorge auf. Heute stehen wir wieder
ınter dem schmerzlichen Eindruck eines
zroßen Unglücks, das sich gestern in der
Nähe von Detmold bei einer militärischen
Jbung unserer Reichswehr ereignet und ca.
50 braven Soldaten — Offizieren, Unter-
»fizieren und Mannschaften — das Leben
zekostet hat. Dabei haben wir noch nicht
vergessen, sondern leiden noch sehr unter
lem schweren Unfall, der vor etwa 7
Wochen die Zeche „Minister Stein“ bez
troffen, bei dem infolge schlagender Wetter
ınd Kohlenstaubexplosionen 130 Bergleute
ihr Leben lassen mußten. Das deutsche
Reich wird wirklich in der letzten Zeit, wie
selten zuvor, von schweren Schicksals-
schlägen heimgesucht, die unsere an und für
sich schon schwierige inner: und außenpoli-
tische Lage noch mehr verschlimmern. Allen
vom Unglück so hart betroffenen Ange:
hörigen dieser Verstorbenen unser herz:
lichstes Beileid und innigstes Mitgefühl auch
heute hier an dieser Stelle auszusprechen,
ist uns Bedürfnis und entspricht unserem
Pflichtgefühl als Menschen und deutsche
Staatsbürger.
Ich hatte, als ich zuletzt hier stand, die
Absicht, Ihnen einiges darüber zu sagen, wie
ich und warum ich an diese Stelle ge-
kommen und Vorsitzender des Präsidiums
les Reichsverbandes der Deutschen Industrie
geworden bin. Sie haben sicherlich schon
gehört, daß, als mein Vorgänger im Amt,
Dr. Sorge, sich endgültig entschloß, die
Leitung des Reichsverbandes, die er fast
6 Jahre lang geführt, aufzugeben, wir — und
ich mit in erster Linie — mit der Laterne
nach einem Nachfolger gesucht und überall
Xörbe bekommen haben. Nach wiederholter‘
Ablehnung habe ich mich dann schließlich,
lem schriftlichen und mündlichen Drängen
neiner Freunde folgend, entschlossen, nicht
jem eigenen Triebe, sondern lediglich und
ıllein der Pflicht folgend, das große Opfer
zu bringen und den Versuch zu wagen, die
?ührung des großen Reichsverbandes zu
ibernehmen. Daß mir das bei meiner großen
jeschäftlichen Inanspruchnahme nicht leicht
jefallen ist, können Sie sich. denken, zumal
n dieser schweren Zeit und bei der Un-
nöglichkeit, meinen Wohnsitz, wie es eigent,
ich nötig wäre, von Leverkusen nach Berlin
zu verlegen. Aber getreu meiner Lebens-
'egel „was man einmal übernimmt und tut,
ias muß man ganz tun“, will ich mein
3Zestes einsetzen, es so gut als möglich zu
nachen. (Beifall.)
Meine sehr verehrten Herren: Sollen
wir jedoch die großen Aufgaben der Wirt-
schaft, die uns diese ungewöhnliche Zeit
stellt, erfolgreich lösen, so muß ich nicht
wur auf die dauernde Unterstützung meiner
Kollegen im Präsidium und Vorstand, son-
lern auch auf Ihre tatkräftige Hilfe rechnen.
Jank einer weitgehenden Arbeitsteilung im
>räsidium hoffe ich, wird es gelingen, die
jesamte deutsche Industrie im Reichsver:
yand immer fester und untrennbar zu:
ammenzuschließen und, was die Hauptsache
st, noch vorhandene Gegensätze zu besei:
igen und neue nicht aufkommen zu lassen.
Nur Einigkeit macht stark und gibt uns die
»rforderliche Stoßkraft, unsere für den Be:
itand unserer Industrie nötigen Beschlüsse
lJurchzusetzen.
Die Übernahme dieses sorgenvollen
Amtes wurde mir noch dadurch besonders
schwer gemacht, daß nicht nur der Kapitän,
‚sondern auch gleichzeitig der Steuermann,
Jerr Geheimrat Bücher, der bisher das
Schiff unseres Verbandes so erfolgreich ge;
‘ührt und geleitet hat, uns verlassen und
ine andere Tätigkeit übernehmen will.
Wenn er zwar als geschäftsführendes Prä-
;idialmitglied heute austritt, so ist er be-
‚eit, sofort wieder als Präsidialmitglied in
Jen Reichsverband einzutreten, wenn Sie,
woran ich nicht zweifele, dem diesbezügr