hat; und es kann wirklich niemand von uns
sagen, was für Folgen dieses Prinzip haben
wird. Anfänglich wurde uns hier in Deutsch:
land verschiedentlich auch gesagt, es wäre
falsch, das Prinzip weiter zu verfolgen, denn
die ganze Welt wäre nun einmal augenblick:
lich von dem Reziprozitätsgedanken be:
sessen; der Reziprozitätsgedanke dehne sich
immer weiter aus, und es würde unmöglich
sein, diesem Gedanken entgegenzutreten
angesichts der geringen Macht, die Deutsch:
land jetzt in die Wagschale zu werfen hätte.
[ch glaube, daß nach der Richtung hin doch
die Verhandlungen schon gezeigt haben,
daß dem nicht so ist. Wie ich Ihnen vorhin
auseinandersetzte, hat es doch eigentlich bei
unseren Verhandlungen mit allen großen
Ländern, mit England und Amerika, gar
keine Schwierigkeiten gemacht, weil sie von
vornherein auf dem Standpunkt standen,
dann haben sich aber auch Länder, die die
Meistbegünstigung nicht wollten, jetzt da-
von überzeugen lassen, daß sie schließlich
zu diesem Prinzip übergehen müssen. Und
ich persönlich bin der Meinung, daß für ein
Land, daß in dem Maße wie Deutschland
auf den Export angewiesen ist, dieses Prin-
zip doch das sicherste und beste ist; und ein
großer Teil der Ausführungen, die Herr Ge-
heimrat Bücher heute früh gemacht hat,
unterstützen diese Meinung ja nur, denn
Jurch nichts anderes kann schließlich die
Passivität der Handelsbilanz beseitigt wer-
den oder wenigstens das wesentlichste Mit-
tel, um sie zu beseitigen, ist eben die Steige:
rung der Ausfuhr, und dazu dient in erster
Linie die Einräumung der allgemeinen Meist,
begünstigung.
Wenn Sie mir noch einige Worte über
die Schwierigkeiten gestatten wollen, denen
die Unterhändler sonst bei diesen Verhand:
lungen unterlagen, so bitte ich Sie, zu glau-
ben, daß die Schwierigkeiten wirklich sehr
groß sind. Meine Herren, ich bin im Jahre
1918 bis 1922 im Auswärtigen Amt gewesen
ınd habe an sehr vielen Verhandlungen
über die Ausführung des Friedensvertrages
von Versailles teilnehmen müssen. Ich bin
also nicht gerade verwöhnt. Aber ich muß
doch sagen, daß diese Verhandlungen über
den Handelsvertrag augenblicklich sehr viel
schwieriger sind, als man sich das gemein:
hin vorstellt. Gewiß liegen auf der anderen
Seite auch sehr große Interessen vor, zu
Handelsverträgen zu kommen. Aber es ent:
steht sehr leicht bei uns in Deutschland eine
Täuschung darüber, was ein Atout in unse:
rer Hand wäre. Es haben sich da schon die
‚sonderbarsten Folgen ergeben. So ist z. B.
m Anfang gesagt worden, daß die ganze
Frage des Verkehrs mit dem Saargebiet ein
Atout in den Händen der deutschen Unter,
händler wäre. In der Tat hat sich die Sache
ıls genaues Gegenteil herausgestellt, Den
Franzosen ist es zunächst einmal sehr viel
jleichgültiger, wie es im Saargebiet aussicht,
ıls uns. Es ist nicht richtig, anzunehmen,
Jaß die Franzosen sagen, es muß im Saar-
zebiet alles sehr schön sein, damit nachher
"ür uns gestimmt wird. Diese Erwägung
;pielt bei den Franzosen nicht die Rolle,
sondern sie sind durchaus nicht bereit, das
Saargebiet irgendwie besser zu behandeln
ıls andere Teile von Frankreich. Und es
iceht so weit, daß die Franzosen, wenn wir
'reiwillig anbieten, dem Saargebiet einen
Vorteil zu gewähren, darin sogar eine un-
'reundliche Handlung gegenüber Lothringen
zesehen und erklärt haben: das ist während
jer Handelsvertragsverhandlungen unmög:-
ich. Ich führe das nur als Beispiel dafür an,
laß man sich leicht über den Wert angeb-
icher Zugeständnisse für den Gegner
-Auscht.
Für uns war eine der ersten Aufgaben,,
lie Wirtschaftsverhandlungen möglichst von
lem politischen Beigeschmack zu befreien.
Wenn man sich ansieht, in welcher Weise
ron unseren Gegnern — ich möchte dabei
mmer hauptsächlich von Frankreich spre:
;hen — die wirtschaftlichen Verhandlungen
vorbereitet worden sind, so kann man sich
ner gewissen Bewunderung für die Weitz
jicht, mit der sie vorgegangen sind, nicht
verschließen. Ich erinnere daran, schon wäh-
‚end des Krieges haben in Paris eine Reihe
‚on Wirtschaftskonferenzen stattgefunden,
n denen sich die Alliierten darüber einig:
en, wie man Deutschland nach dem Kriege
nöglichst boykottieren könnte. Ein starker
Niederschlag dieser Pariser Wirtschaftsver:
ıandlungen ist dann in den Vertrag von
Versailles übergegangen, der ja vollkommen
ınerhörte Bestimmungen enthält, einseitige
dechte für die anderen und gar keine Rechte
ür uns, Die im Vertrag von Versailles vor:
jesehene einseitige Meistbegünstigung sollte
ıach 5 Jahren ablaufen, konnte aber nach
len Bestimmungen des Versailler Vertrags
lurch den Völkerbundsrat verlängert wer-
len. Wir haben sehr lange gefürchtet, daß
ine solche Verlängerung stattfinden würde,
veil das ja schließlich im Interesse alle Alli-:
erten lag. Glücklicherweise war das eine
ler Sachen, die einstimmig im Völkerbunds?
rat hätte beschlossen werden müssen. Es