Full text: Grundlagen der Wirtschafts- und Handelspolitik

ist den Franzosen trotz aller Anstrengungen 
nicht gelungen, diese Einstimmigkeit herbei: 
zuführen. 
Es ist nun weiter der Versuch gemacht 
worden, nach dem Scheitern der Londoner 
Konferenz im Jahre 1921 auf dem Wege der 
Sanktionen in das deutsche Wirtschaftsver: 
hältnis zu Frankreich eingreifen zu können. 
[ch brauche nur an die Tatsache zu erin- 
nern. Es ist den Herren weiter bekannt, wie 
bei den Londoner Verhandlungen der stärk- 
ste Druck angewendet worden ist, im Zu- 
sammenhang mit der Annahme des Dawes- 
gutachtens und dort schon grundlegende Be; 
stimmungen für den Handelsvertrag getroffen 
werden sollten. 
Während der jetzigen Verhandlungen 
haben, obwohl selbstverständlich uns immer 
gesagt worden ist, daß politische Rücksich- 
ten gänzlich ausschieden — Herr Minister 
4 Reynaldy hatte dies in Privatgesprächen in 
2.35 “die nicht gerade geschmackvolle Form geklei- 
yet det, daß es bei diesen Verhandlungen nicht 
4 » Sieger und Besiegte gäbe — tatsächlich im- 
mer die politischen Fragen eine Rolle ge: 
spielt. Die ganze Frage der Räumung des 
Ruhrgebiets, der Kölner Zone, ist selbstver- 
ständlich von französischer Seite immer da: 
zu benutzt worden, um einen Druck auf uns 
auszuüben, damit wir schneller zu irgend: 
welchem Ergebnis kämen, als wir es sach: 
lich gern wünschten. 
Es war auch für die deutsche Seite nicht 
\ımmer vermeidlich, politische Probleme auf- 
zuwerfen. Ich erinnere nach der Richtung 
hin nur an die Frage des Saargebiets, an die 
Kontingente für Elsaß - Lothringen, an die 
Frage der 26%, die auch mit Frankreich eine 
Rolle spielen. 
Richtlinie für die deutsche Delegation 
wird es jedenfalls angesichts der politischen 
Ohnmacht Deutschlands bleiben müssen, 
möglichst die politische Frage gänzlich bei- 
seite zu lassen und die Entscheidung für die 
Handelsvertragsverhandlungen allein nach 
wirtschaftlichen Motiven zu treffen. Dieser 
Kampf muß von den deutschen Unterhänd- 
lern und den deutschen Sachverständigen 
geführt werden und, wie ich hinzusetzen 
möchte, nicht nur nach der Gegenseite hin, 
sondern natürlich auch nach der deutschen 
Seite hin, denn auch in Deutschland gibt es 
natürlich einzelne Stellen, die berufsmäßig 
jr die auswärtige Politik verantwortlich 
sind und die unter Umständen den Erwä- 
zungen der auswärtigen Politik ein stärkeres 
Maß von Einfluß einräumen wollen, als 
gut ist. 
Ein vertragsloser Zustand ist gewiß, 
venn irgend möglich, zu vermeiden Ich ge- 
ıöre durchaus nicht zu denen, die der Mei; 
ıung sind, daß ein vertragsloser Zustand für 
lie anderen sehr viel unangenehmer ist als 
ür uns. Ich glaube, man soll sich keinen 
Illusionen hingeben. Er ist auch für uns 
Öchst unangenehm. Auf der anderen Seite 
nuß man sich aber doch immer vor Augen 
ılten, daß es nicht so sehr darauf ankommt, 
rgendeinen Handelsvertrag zu schließen, 
sondern daß es bei Handelsverträgen eben 
‚uf ihren Inhalt ankommt und daß schließ: 
ich nur ein Handelsvertrag geschlossen wer: 
len kann, der auch für die Wirtschaft noch 
ırträglich ist. Allerdings muß man, glaube 
ch, die Erwartungen und das Maß von Er: 
räglichem etwas zurückschrauben. Es wird 
neiner Meinung nach in kurzer Zeit nicht 
selingen, Handelsverträge abzuschließen, die 
nit großer Begeisterung auf deutscher Seite 
jegrüßt werden, 
Ich glaube, man soll die Verhandlungen 
nit ruhiger Zähigkeit weiterführen; und ich 
nöchte an dieser Stelle sagen, daß ich der 
Meinung bin, daß speziell die Verhandlun: 
sen mit Frankreich von Herrn Trendelen; 
yurg nach dieser Richtung hin sehr gut und 
;ehr ruhig geführt worden sind. Ein promi- 
ı1entes Mitglied des Präsidiums des Reichs: 
verbandes hat mir einmal, gerade wie ich 
ı1ach Paris zu den Verhandlungen fuhr, den 
;pruch mit auf den Weg gegeben, daß Han- 
lelsvertragsverhandlungen nicht mit dem’ 
Xopf geführt werden, sondern mit einem an- 
leren Körperteil, der gewöhnlich nicht als 
ler Sitz der Intelligenz angenommen wird. 
‘Heiterkeit.) Ich glaube, daß das zwar sehr 
ıngreifend und anstrengend ist. Aber so 
nüssen solche Verhandlungen geführt wer: 
len. Auf theoretischem Gebiete hat diese 
Zähigkeit zu einem gewissen Erfolge ger: 
ührt, und wenn man so weiter geht, dann 
st vielleicht auch ein bescheidener Erfolg 
‚uf praktischem Gebiete zu erwarten. 
Eine weitere Hemmung unserer Han; 
lelsvertragsverhandlungen liegt darin, daß 
wir augenblicklich genötigt sind, an vers 
ichiedenen Orten zu gleicher Zeit Handels- 
rertragsverhandlungen zu führen. Es liegt 
uf der Hand, wie unerwünscht dies ist. Es 
nd selbstverständlich weder in der Regie: 
ung noch unter den Sachverständigen so 
viele Leute da, die geeignet sind, solche 
Verhandlungen zu führen, daß wir gleich» 
zeitig in Rom, Paris, Moskau und weiß der 
Teufel wo noch, Verhandlungen führen 
<önnen. Ich habe mich deshalb bei kom:
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.