Full text: Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

tet. Wir gaben die wichtigsten qualitativ begründeten Urteile Lists 
über einige von ihm positiv geschätzten Schriftsteller wieder. Schon sie 
sind hinreichend, die bisherigen Richtungen der Forschung zu ent- 
werten: die Ableitung von der Romantik ist ein Irrweg; die einseitige 
Verfolgung des Einflusses von Raymond ein unergiebiger Nebenpfad. 
Daß Adam Müller List unbekannt war, ist an anderer Stelle belegt wor- 
den. Daß eine Wandlung Lists vom Freihandel zum Schutzzoll durch 
die nicht bedeutende Schrift Raymonds in der amerikanischen Zeit er- 
folgt sei, wird niemand, der Chaptals Werk gelesen hat, mit Ernst 
vertreten können. Ob eine nennenswerte Einwirkung von Hamiltons 
Schriften anzunehmen ist, kann erst nach der vollständigen Publizie- 
rung der amerikanischen Schriften Lists geklärt werden. 
Zu. einer anderen gleich wichtigen Seite unseres Themas geben wir 
hier nur einen vorläufigen kurzen Hinweis: Lists historisch-konkrete 
Methode des Argumentierens ist von seinen Kritikern unter den deut- 
schen Gelehrten als „Neuerung‘“ anerkannt worden, und Hildebrands 
Wort, List habe die deutschen Nationalökonomen zum historischen 
Studium hingedrängt, ist als Schlagwort allgemein bekannt geworden. 
Aber weder Hildebrand noch Roscher oder Knies sind den von List 
genannten Spuren nachgegangen, welche ihnen die geistige Heimat 
dieser Methode gezeigt hätte. 
In der Einleitung zum 4. Bande wird die Aufklärung dieser Fragen 
wenigstens in Angriff genommen werden. Mit der Kenntnis von King 
(1721), Ustariz (1724), UHNoa (1740) u. a. hat List eine breite Be- 
rührung mit dem Geiste des 18. Jahrhunderts?®8, wo durchwegs hi- 
storisch argumentiert wird, in der gleichen Art, die auch Chaptal 
noch eigen ist. Überall finden wir die gleiche systematische und lehr- 
hafte Art der Benutzung der Geschichte. Endlich wird die herrschende 
Ansicht stark einzuschränken sein, daß Lists historische Bildung gänz- 
lich laienhaft gewesen sei. Gewiß trieb er nicht geschichtliche Stu- 
dien zum Zwecke einer unendlichen Erkenntnis des Vergangenen. Aber 
er suchte und fand in den benutzten Werken, von denen noch An- 
dersons und Macphersons Annalen zu erwähnen wären, die Gesetze und 
Ordnungen der Gewerbe und des Handels, die Reden und Erlasse der 
Könige und der großen Minister, und in diesen originalen Zeugnissen 
erfaßte List die echten Züge des Wirtschaftsgeistes der früheren Jahr- 
hunderte. 
III. Lists Zeitschicksal als strukturgebender 
Faktor seiner Lehre. 
Unsere weiteren Ausführungen sollen sich dem Stoffe nach auf 
Lists Stufenlehre und seine begrifflichen Bestimmungen der Nation 
beschränken. Die Stufentheorie steht im Zentrum gerade der Preis- 
schrift und vereint in sich Lists historisches, politisches und syste- 
matisches Interesse; die Variationen dieser Theorie von der einen 
Schaffensperiode Lists, in der sie nur als Rudiment auftaucht, über 
eine solche der reifen Ausbildung bis zur Endperiode des Zollvereins- 
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