Full text: Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

staates und des endgültigen Freihandels in sein System einbauen?1. 
So kommt List aus der Tiefe seines Zeitschicksals zur Politik und 
Geschichte und zur Entwicklungsdynamik der produktiven Kräfte, und 
kommt ebenso zur Struktur seines Systems als einer Systematik der 
Stufenlehre der einzelnen Völker. 
Lists Leben und Lehre ist in einem unerhörten Maße eine einzige 
Ganzheit: Aus der bloßen räumlichen und zeitlichen Bestimmtheit 
seines Daseins fließt die gesamte Grundstruktur seiner Lehre. Daher 
ihre unerschöpfliche Ursprünglichkeit, welche die mannigfaltige wis- 
senschaftliche Kritik, die an allen Außenseiten nagte, zu überleben 
vermochte. 
Das gezeichnete Grunderlebnis des Verhältnisses von England zu 
Deutschland, Nordamerika u.a. findet seine begriffliche und struk- 
turelle Ausprägung in den systematischen Schriften. 
Und besonders die Preisschrift zeigt schon in ihrem äußeren Auf- 
bau diese Struktur des Listschen Weltsehens und offenbart klarer als 
die anderen Werke den Sinn der Hauptlehren seines ganzen Schaffens. 
Das 6. Kapitel „De la nation predominante‘“ ist der Schlüssel des 
Systems, und dazu gehört, „De l’opposition des Nations contre la na- 
tion predominante‘‘, wie die Überschrift des 8. Kapitels lautet. Diese 
Teilung zeigt den politischen Quellpunkt der Erfahrungen Lists, von 
ihm aus organisieren sich alle Einzellehren. 
Im Nationalen System entsprechen dem die Kapitel 33—35: „Die 
Insularsuprematie und die Kontinentalmächte‘“, „Die Insularsupre- 
matie und die deutsche Handelsunion“‘, „Die Kontinentalpolitik““32, 
List schildert die Nation predominante nach allen Seiten als das 
Ideal einer vollkommenen Nation, als sein eigenes Wunschbild?3, zu- 
gleich als die Norm und das lockende Ziel für Frankreich, Deutsch- 
land, Amerika. England ist das „zur Stadt erhobene Land‘, das alle 
Welt mit Manufakturen versieht und die Rohstoffe aller Länder an- 
saugt. Hier liegt die wirtschaftliche Gefahr: von einem Abwehrerleben 
aus gestaltet sich List der Begriff der „berufenen Nation‘ (beachtet 
sind zumeist nur Deutschland, Amerika, Frankreich), die fähig und 
deshalb verpflichtet sind, den gleichen Weg wie England zu gehen, 
d.h. nicht Rohstoff- und Lebensmittellieferanten zu bleiben?4. „Be- 
rufene Nation“ — damit erhebt List die Interessen der besonderen 
Staaten, für die er schreibt, in die logisch-begriffliche Sphäre; ebenso 
durch die Stufenlehre überhaupt wird sein System formal eine all- 
gemeingültige Wissenschaft und hebt sich damit wissenschaftstheore- 
tisch klar ab von den deutschen Merkantilsystemen. „Berufene Natio- 
nen“, „les nations de deuxieme et de troisieme ordre‘“ sind zusammen 
mit der Suprematiemacht ein politischer Begriffskomplex; die „nach- 
strebenden Nationen‘ sollen — als ein neues Kontinentalsystem — 
politisch und handelspolitisch, besonders in der Kolonialpolitik, gegen 
England zusammenstehen: „Was sie alle zur Zeit zu fürchten haben, 
ist nur das Übergewicht von England35. 
Und das 8. Kapitel beginnt: „De meme que de tout temps les na- 
tions, les moins puissantes de l’Europe ont cherch6 par leur union ä 
garantir leur existence des attaques de quelque nation predominante, 
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