Full text: Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

reich oder Deutschland, sondern nur die einer bestimmten Ermäßi- 
gung, wie dargelegt worden ist. 
Die neue Situation, in welcher List seit 1843 schreibt, ist begründet 
in dem Gedanken einer politischen Verbindung Englands und Deutsch- 
lands; die Diskussion entspringt in englischen Parlamentsreden und 
Schriften!33 und wird in den folgenden Jahren durch öffentliche Er- 
örterungen in England und Frankreich aufrechterhalten; List greift 
diese Gedanken auf und gestaltet sie in einer prinzipiellen Gesamt- 
systematik, Wirtschaftlich sieht List zweierlei; die Überzeugung und 
Voraussicht auf lange Frist ist: Nordamerika wird billiger als 
Deutschland Getreide liefern!®4, Deutschlands Export nach England 
wird also keinen Bestand haben135, 
List bejaht die allgemeine imperiale Abschließungstendenz und be- 
nutzt sie als Grundlage für den Neubau der deutschen Politik und 
Wirtschaft, nachdem er das utopische Moment der Kontinentalallianz 
fallen gelassen hatte!36, Für das anzustrebende „germanisch-magyari- 
sche Mittelreich“ (die Verbindung Englands mit Indien) entwirft er sein 
neues Differentialzollsystem, das technisch zunächst für 
Deutschland einschließlich der Häfen Ostende und Antwerpen aus- 
gearbeitet wird!®7, Dazu treten die fast endlosen Behandlungen des 
Handelsvertrages mit Brasilien138, Das Prinzip der Sicherung des ein- 
heimischen Marktes für die eigenen Fabrikate ist jetzt schlechthin 
für alle Zeiten herrschender Grundsatz. Was früher eine der ratio- 
nalen Gesamtlehre widersprechende, nicht prinzipiell auftretende Teil- 
forderung war, ist jetzt das konstituierende Prinzip. Somit fällt aber 
auch der Gedanke einer freihändlerischen Zukunft und fällt der 
frühere Gegensatz zwischen Freihandel und Schutzzoll als gegen- 
standslos weg. Lists Schlußwort zur Zollpolitik lautet: „„Angemessene 
Schutz- und Differentialzölle! auf ihnen beruht die künftige politische 
Größe, ja die Existenz Deutschlands1391“ 
Gewiß, List kann jetzt so frei sprechen, weil diese Aufsätze nicht 
mehr Teile eines zusammenhängend ausgeführten Systems sind, das 
er vorher als ein allgemeingültiges nur mit Hilfe der freihändlerischen 
Zukunft der Menschheit errichtet hatte. Beide Ideen der Systeme, 
Universalunion und Freihandel, fehlen in den letzten Jahren. Die 
Spaltung der Welt in mehrere Imperien und ihre durch Preferenzzölle 
angegliederten Einflußgebiete, das ist das letzte Bild der Zukunft. 
Differentialzölle, auch als Mittel einer weiteren deutschen Einigung 
und als ein Mittel, Deutschland feste Siedlungs- und Rohstoffgebiete 
anzugliedern, das ist Lists letzte Sorge140, 
Man muß diese Entwicklung der zollpolitischen Anschauungen Lists 
übersehen, dann erst ist eine Stellungnahme zu Lists Zolllehre möglich 
and erlaubt. Ob man danach vom Endpunkt her Lists Anschauungen 
als einheitliche interpretiert, die nur durch die Smithsche und Say- 
sche Einwirkung eine Zeitlang abgelenkt wurden, oder ob man — ein 
durchaus möglicher Standpunkt — feststellt, daß Einzelabhandlungen 
zur Zollpolitik und Weltpolitik, wenn auch in noch so großer Zahl 
gegenüber den beiden geschlossenen Arbeiten der Preisschrift und 
des Nationalen Systems nichts beweisen — bleibt zunächst durch Hin- 
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