reich oder Deutschland, sondern nur die einer bestimmten Ermäßi-
gung, wie dargelegt worden ist.
Die neue Situation, in welcher List seit 1843 schreibt, ist begründet
in dem Gedanken einer politischen Verbindung Englands und Deutsch-
lands; die Diskussion entspringt in englischen Parlamentsreden und
Schriften!33 und wird in den folgenden Jahren durch öffentliche Er-
örterungen in England und Frankreich aufrechterhalten; List greift
diese Gedanken auf und gestaltet sie in einer prinzipiellen Gesamt-
systematik, Wirtschaftlich sieht List zweierlei; die Überzeugung und
Voraussicht auf lange Frist ist: Nordamerika wird billiger als
Deutschland Getreide liefern!®4, Deutschlands Export nach England
wird also keinen Bestand haben135,
List bejaht die allgemeine imperiale Abschließungstendenz und be-
nutzt sie als Grundlage für den Neubau der deutschen Politik und
Wirtschaft, nachdem er das utopische Moment der Kontinentalallianz
fallen gelassen hatte!36, Für das anzustrebende „germanisch-magyari-
sche Mittelreich“ (die Verbindung Englands mit Indien) entwirft er sein
neues Differentialzollsystem, das technisch zunächst für
Deutschland einschließlich der Häfen Ostende und Antwerpen aus-
gearbeitet wird!®7, Dazu treten die fast endlosen Behandlungen des
Handelsvertrages mit Brasilien138, Das Prinzip der Sicherung des ein-
heimischen Marktes für die eigenen Fabrikate ist jetzt schlechthin
für alle Zeiten herrschender Grundsatz. Was früher eine der ratio-
nalen Gesamtlehre widersprechende, nicht prinzipiell auftretende Teil-
forderung war, ist jetzt das konstituierende Prinzip. Somit fällt aber
auch der Gedanke einer freihändlerischen Zukunft und fällt der
frühere Gegensatz zwischen Freihandel und Schutzzoll als gegen-
standslos weg. Lists Schlußwort zur Zollpolitik lautet: „„Angemessene
Schutz- und Differentialzölle! auf ihnen beruht die künftige politische
Größe, ja die Existenz Deutschlands1391“
Gewiß, List kann jetzt so frei sprechen, weil diese Aufsätze nicht
mehr Teile eines zusammenhängend ausgeführten Systems sind, das
er vorher als ein allgemeingültiges nur mit Hilfe der freihändlerischen
Zukunft der Menschheit errichtet hatte. Beide Ideen der Systeme,
Universalunion und Freihandel, fehlen in den letzten Jahren. Die
Spaltung der Welt in mehrere Imperien und ihre durch Preferenzzölle
angegliederten Einflußgebiete, das ist das letzte Bild der Zukunft.
Differentialzölle, auch als Mittel einer weiteren deutschen Einigung
und als ein Mittel, Deutschland feste Siedlungs- und Rohstoffgebiete
anzugliedern, das ist Lists letzte Sorge140,
Man muß diese Entwicklung der zollpolitischen Anschauungen Lists
übersehen, dann erst ist eine Stellungnahme zu Lists Zolllehre möglich
and erlaubt. Ob man danach vom Endpunkt her Lists Anschauungen
als einheitliche interpretiert, die nur durch die Smithsche und Say-
sche Einwirkung eine Zeitlang abgelenkt wurden, oder ob man — ein
durchaus möglicher Standpunkt — feststellt, daß Einzelabhandlungen
zur Zollpolitik und Weltpolitik, wenn auch in noch so großer Zahl
gegenüber den beiden geschlossenen Arbeiten der Preisschrift und
des Nationalen Systems nichts beweisen — bleibt zunächst durch Hin-
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