Full text: Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

weis auf Lists letzte Periode unentschieden. Jede weitere Lösung hat 
eine umfassende Untersuchung über den Strukturunterschied klassi- 
scher und nichtklassischer Systeme der Nationalökonomie und über 
die Möglichkeit einer nichtklassischen Wirtschaftssystematik über- 
haupt und in unserem Zeitalter zur Voraussetzung141, 
Der vierte Begriff der Nation sollte uns auch endlich über die be- 
dingte Stellung der Stufenlehre in Lists Gesamtwerk etwas beweisen. 
Das ursprüngliche Motiv der Stufenlehre, der politische Gegensatz 
zwischen Suprematiemacht und Nationen des zweiten Grades fällt mit 
dem englisch-deutschen Allianzgedanken weg. Das Ziel der beiden 
Systeme: Gleichstellung aller größeren Nationen in Reichtum und 
Macht (zur Vorbereitung zum Eintritt in eine Universalunion) ist jetzt 
auf dem gedanklichen Wege über das militärische Bündnis Englands 
und Deutschlands und über den Komplex der „Donaupolitik““ in eine 
Gleichstellung Englands und Deutschlands als gemeinsame Vormacht 
der Welt übergeführt. 
Statt Gleichstellung aller Völker (die „Normalnationen“‘), zieht sich 
das neue System zurück auf das Interesse der imperialen Verbündeten; 
wie die Outlines ein Wirtschaftssystem für ein Land waren, so ist 
also die Imperiallehre wiederum ein politisches System für den Son- 
derbund Deutschland und England; ein Zug der Allgemeingültigkeit 
auch dieser Lehre liegt in dem Hinweis, daß die anderen Reiche 
einen gleichen Weg verfolgen sollen. Diese Konstruktion ist aber nur 
ein formaler Gedanke, denn England-Deutschland soll ‚für ewig“ 
das militärische Übergewicht haben. 
So steht also für Lists Gefühl jetzt Deutschland neben England. 
Dem Wegfall des politischen Gegensatzes entspricht die Tatsache, daß 
kein Aufsatz des Zollvereinsblattes eine Wiederholung oder Anwen- 
dung der Stufenlehre bringt. Das ist bedingt nur durch die neue poli- 
tische Konstellation, da List auf wirtschaftlichem Gebiete jetzt so 
wenig wie früher die Behauptung wagen kann, daß Deutschland die 
vierte Wirtschaftsstufe erreicht habe, also an Reichtum und Macht 
neben England zu ordnen seil4?, 
Wir ziehen daraus den Schluß: Die Stufen der Wirtschaft sind für 
List keine wissenschaftliche, geschichtliche Grundtatsache, die jeder 
gedanklich ökonomischen Lehre vorhergeht. Sie war ihm nur das Mit- 
tel, in einer politischen Konstellation eine dynamische und für alle 
Völker, die wie Deutschland gegen England standen, eine Entwick- 
lungslehre auszubilden. List denkt politisch -historisch wie King, 
Ustariz usw., Hildebrand und die Späteren interpretieren ihn zu Un- 
recht rein historisch. 
VIII. Abschluß. 
Friedrich List als Weltpolitiker sehen in den verschiedenen Situa- 
tionen: als Befürworter eines strengen Nationalismus im amerika- 
nischen System, als Vertreter der Kontinentalallianz in dem französi- 
schen und deutschen Hauptwerk, als Bannerträger der englischen Im- 
perialentwicklung, oder wie es seit den frühesten Jahren vielfach der 
Fall war. als Anreger eines Welthandelskongresses143 — Lists Lehren 
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