von hier aus erwachsen sehen, heißt eine wesentliche Schicht im Ab-
lauf seines Lebenswerkes erfassen. Wir haben uns wegen des Mangels
einer solchen Übersicht über die Entwicklung Lists, und aus dem
praktischen Grunde der beschränkten Gelegenheit, dieser Grundlage
ausschließlich zugewandt.
Das Gesagte ließe sich unter anderem Gesichtspunkte ergänzen. List
hat seine literarische Laufbahn mit Schriften zur Staatsverfassung
und Verwaltung begonnen14*; und erst als die ökonomischen Begriffs-
systeme von Smith und Say seine Heimatländer zu einer falschen
Wirtschaftspolitik verführten, ist er langsam und allmählich, bis zur
größten Breite im Nationalen System, gegen die Theorie der Werte
mit seinem System der produktiven Kräfte und der nationalen Viel-
heiten in den Kampf getreten. Als Deutschlands Wirtschaft seit den
vierziger Jahren einen festeren Kurs hatte, zieht sich List in den
größeren Arbeiten wiederum mehr zu den politischen Problemen zu-
rück und dient daneben den handelspolitischen Tagesnotwendigkeiten,
während die Entwicklung der eigentlichen Theorie aufhört; und der
zweite Band des Nationalen Systems, den er plante, wäre eine „Politik
als Wissenschaft der Zukunft‘ geworden145, wie er sich 1818 eine
„Philosophie der Wirtschaft und Politik“ vorgesetzt hattel46, Die
letzte Wissenschaft der Politik soll wiederum, gestützt auf eine poli-
tische Ökonomie, eine Hilfsdisziplin zur Unterstützung der Staats-
männer sein, die für List stets das Zentrum wirtschaftspolitischen Han-
delns waren, und die sich ihm in den letzten Jahren immer stärker in
den preußischen Ministern und vor allem in Robert Peel verkörperten.
Mag eine solche Betrachtung des Ablaufes der Lehren Lists den
Geschichtsforscher und den Wirtschaftshistoriker interessieren, so
geht das Interesse der systematischen Wirtschaftstheorie mehr auf
eine andere Problemschicht, die außerhalb des Rahmens unseres The-
mas lag. Die Betrachtung der Stufenlehre und in höherem Maße der
Systematik Lists unter dem Gesichtspunkt der produktiven Kräfte
ließe vor uns erstehen die Frage nach dem Strukturverhältnis der Klas-
sik zu einer dynamisch-historischen Theorie und nach der Möglichkeit
der letzteren neben der ersten. Was List selbst dazu sagte, ist nicht
zureichend: ein einfaches Nebeneinanderstehen beider Disziplinen,
oder die gereinigte Tauschwertslehre als Theorie der Privatwirtschafi
und als untergeordneter Teil einer politischen Ökonomie. Das Problem
ist nirgends aufgegriffen worden, reine Wirtschaftsgeschichte und
veine, meist sogar psychologische Theorie trennten sich.
Eine Vorbedingung für die Aufnahme dieser sachlichen Diskussion
scheint heute, bei Beginn einer intensiveren List-Kenntnis, welche
durch die Akademieausgabe der Werke herbeigeführt werden dürfte,
als zeitgemäße Forderung vorzuliegen. Durch den psychologischen
Aspekt des Streites, wie List ihn führen mußte, ist durchzustoßen
zur Erörterung des sachlichen, systematischen Problems.
Die auffälligsten Verneinungen des Wertes der Theorie bis zum
Zweifel an Smiths und Says Ehrlichkeit!47, werden von List ausge-
sprochen in der Situation eines politisch nationalen Kampfes, Der
erste Brief der Outlines, der Beginn also der systematischen Abwehr.
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