56 Prof. Dr. E. Horneffer:
time Herrscher, So sind sie den Hetzern in die Hände gefallen. Und
auf diese Hetzer als den Ursprung alles Bösen wird das ganze Unheil
unserer sozialen Verhältnisse abgewälzt, diese seien an allem schuld.
Ich sage aber, die Hetzer müssen einen bereiten Boden finden, wenn sie
mit ihren Hetzereien etwas ausrichten wollen. Wenn man schüren will,
muß man einen brennbaren Stoff haben, der Feuer fängt. Sonst nützt
alles Schüren nichts, Dann prallt alle Kunst der Verführung ab.
Man wird erwidern, zu alledem sind die Arbeiter nicht reif. Gewiß
sind sie nicht reif. Aber Schwimmen kann man nur im Wasser lernen.
Nur die ständige, andauernde, ununterbrochene Übung, nur die lange
Schule der Erfahrung, wirklich angewandter, unmittelbar ausgeübter Er-
fahrung kann die menschliche Urteilskraft stählen und reifen. Im all-
gemeinen kann man sagen, daß jede menschliche Gruppe, jede größere
Gemeinschaft von Menschen in drei Unterabteilungen zerfällt. Diese
Einteilung und Gliederung wiederholt sich bei allen einheitlichen Bil-
dungen und sozialen Schichten, Berufen und Ständen, Ob es sich um
eine gelehrte Körperschaft, ein Lehrerkollegium, ein Offizierkorps, einen
Künstlerverein, eine Bauernschaft oder eine Arbeiterschaft handelt,
spielt keine Rolle, Die gleichen menschlichen Gesetze dringen immer
wieder durch, drängen immer wieder zum Vorschein, Ein Viertel des
Kreises, der in Frage steht, ist im hohen Sinne strebsam und tüchtig,
ringt mit Leidenschaft und Ehrgeiz um die Erfüllung der Aufgaben, die
dieser Gemeinschaft gestellt sind, Zwei Viertel sind Mittelware, sind
lau, nicht kalt und nicht warm, gleichgültig, gelangweilt; nur die nötige
Pflicht ableistend, folgen sie den Führern gedankenlos, wer sich ihnen
nun als Führer aufwirft, sie lassen sich dahin und dorthin reißen. Und
das letzte Viertel ist völlig untüchtig, steht weit hinter den notwendigen
Leistungen, die sie ihrer Gemeinschaft schuldig sind, zurück. Nun aber
ist zu begreifen: es kommt ausschließlich auf jenes
erste, strebsame Viertel an. Wir müssen uns endlich von
der Suggestion der Zahl frei machen. Die Wenigen sind es, die Besten
und Tüchtigsten, welche die Entscheidung geben. Kommen diese zu
ihrem Rechte, finden diese die Erfüllung ihrer inneren Bedürfnisse,
können sie ihre Kräfte rein. zur Entfaltung bringen, dann bestimmen sie
damit das Urteil der ganzen Gruppe und Gemeinschaft, in die sie
gestellt sind.
Das Mißtrauen der Arbeiterschaft gegen das Unternehmertum ist
grenzenlos. Die Spannung ist so groß, der Gegensatz so tief, daß es lange
Zeit erfordern wird, diesen Gegensatz zu überwinden oder nur abzu-
mildern. Selbstverständlich werden die Arbeiter zunächst den Unter-
nehmern, die mit ihnen in einen dauernden Konnex zu treten suchen,
alle ihre Angebote und Versuche vor die Füße werfen, Darüber darf