Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

ausgeprägt religiösen Charakter, da die ganze 
Zeitperiode unter dem herrschenden Einfluß der christ- 
lichen Gedankenwelt Stand; daher konnte er auch nicht, 
wie in unseren Tagen, Selbstzweck sein, d, h. ein aus rein 
wirtschaftlichen Zweckmäßigkeitsgründen abgeleitetes 
Ideal, sondern war stets eine Konsequenz religiöser Lehr- 
meinungen. 
Als erste Vorläufer eines solchen christlich-asketischen 
Kommunismus erschienen gewisse 
häretische Sekten in Südirankreich und 
Oberitalien, 
so die „Katharer“, die die Materie für das Prinzip des 
Bösen erklären, in der Mitte des 11. Jahrhunderts auf- 
tauchen und erst im Albigenserkriege blutig ausgerottet 
werden; ferner die „AFostoliker“ in der Lombardei 
(auch Patarener genannt: patari — Lumpensammler), 
die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Leben 
der Apostel erneuern wollten und wegen ihrer offenen Re- 
vellion in förmlichen Kriegszügen bekämpft wurden, bis die 
Bewegung mit der Niedermetzelung aller Patarener und 
der Verbrennung ihres Führers Dolcino endet, Auch der 
Orden der „böhmischen Brüder“, gegründet durch 
Peter Chelcicky 1390, richtete sein Leben nach der heiligen 
Schrift ein und bekannte sich. zu kommunistischen 
Grundsätzen. Die stark verfolgten Ueberbleibsel eini- 
ger Sekten vereinigten sich zu Anfang des 15. Jahrhunderts 
mit den ‘kommunistischen Taboriten, die unter Ziska 
sich militärisch organisierten und in den Hussitenkriegen 
hre gemeinwirtschaftliche Organisation zu verteidigen und 
zu verbreiten suchten. 
1 Diese als Vorläufer zu betrachtenden Bewegungen, 
ie 
auf religiöser Basis eine Gemeinwirtschait des Konsums 
einrichteten und durchführten, sind für die ganze Richtung 
von geringerer Bedentung als die Durchsetzung kommu- 
nistischer Ideen im Reformationszeitalter. Diese 
ergriffen weite Gebiete des Deutschen Reiches, Die 
Wiedertäufer erhoben in ihrem pantheistischen Spiri- 
tualismus den Anspruch auf unmittelbare Inspiration durch 
Gott und verwarfen Gesetze, Staat und Obrigkeit. Da das 
Postulat der Askese als notwendizes Gebot hinzutrat. 
nußte sich häufig der Kommunismus als Konsequenz er- 
zeben. Besonders deutlich tritt dies bei Thomas Mün- 
zer hervor, dem Führer der sozialrevolutionären Volks- 
bewegung... Ueber deren Ziel hat sich Münzer selbst ge- 
äußert: „. .'. ist unser Artikel gewest: omnia simul com- 
nunia, d.h, alle Dinge sollen gemein sein und 
sollen jedem nach Notdurft ausgeteilt werden nach Ge- 
‚egenheit.“ Seine Bewegung wurde blutig niedergeschla- 
zen, ebenso später, im Jahre 1535, der Aufstand der Wieder- 
täufer in Münster, der vorübergehend zur Aufrichtung eines 
neuen „Zion“ mit weitgehendem Gemeinei gentum 
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