Bevölkerungszunahme und Verteilung.
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Kap. II.
schiede in der Produktivität der in Benutzung stehenden Ländereien,
und die Steigerung der Rente, welche erfahrungsmäßig die Bevölke
rungszunahme begleitet, wird, wie Ricardo und seine Nachfolger er
klären, dadurch verursacht, daß man sich mehr Nahrungsmittel nur mit
höheren Rosten beschaffen kann, was die Bevölkerung auf immer nied
rigere Punkte der Produktion drängt und die Rente entsprechend erhöht.
So werden, wie ich schon oben auseinandersetzte, die beiden Theorien
in Übereinstimmung gebracht und miteinander verschmolzen, so daß
das Rentengesetz nur eine spezielle Anwendung des allgemeineren,
von Malthus verkündeten Gesetzes, und das Steigen der Grundrente
bei zunehmender Bevölkerung ein Beweis von dessen unwiderstehlicher
Wirksamkeit wird. Ich erwähne dies beiläufig, weil es hier gerade zur
pand liegt, die verkehrte Auffassung zu sehen, welche die Rentenlehre
zur Unterstützung einer Theorie gepreßt hat, der sie in Wahrheit keinen
palt verleiht. Die Malthussche Theorie ist schon abgefertigt worden,
und zum Überfluß wird weiterhin ein Gegenbeweis, der den letzten
Rest von Zweifel verscheuchen muß, durch die Ausführung geliefert
werden, daß die dem Druck der Bevölkerung gegen ihre Unterhaltsmittel
zugeschriebenen Erscheinungen sich unter den bestehenden Umständen
auch äußern würden, wenn die Bevölkerung im Stillstand verharrte.
Die verkehrte Auffassung, von der ich jetzt spreche, und die behufs
eines richtigen Verständnisses der Wirkung der Bevölkerungszunahme
auf die Güterverteilung aufgeklärt werden muß, ist die in den her
gebrachten Erörterungen des Rententhemas in seiner Verbindung
mit der Bevölkerungsfrage entweder ausdrücklich gemachte oder implizite
enthaltene Voraussetzung, daß das Zurückgreifen auf niedrigere Punkte
der Produktion einen kleineren Gesamtertrag im Verhältnis zur auf
gewendeten Arbeit involviere. Daß dies jedoch nicht immer zutrifft,
ist klar zu erkennen bei landwirtschaftlichen Verbesserungen, welche, um
Mills Worte zu gebrauchen, „als eine teilweise Lockerung der die Be
völkerungszunahme beschränkenden Bande" zu betrachten sind. Aber
auch da ist es nicht notwendig der Fall, wo kein Fortschritt in den Ge
werben stattgefunden hat, und das Zurückgreifen auf niedrigere Punkte
der Produktion offenbar die Folge der vermehrten Bedürfnisse einer
erhöhten Bevölkerung ist. Denn die Bevölkerungszunahme schließt von
selbst und ohne einen Fortschritt in den Gewerben, eine Vermehrung der
produktiven Rraft der Arbeit ein. Die Arbeit von hundert Menschen
wird, unter sonst gleichen Umständen, die Leistung eines einzigen viel
wehr als hundertmal hervorbringen, und die Arbeit von tausend Menschen
vielmehr als zehnmal so viel zuwege bringen, wie die Arbeit von hundert;
und so wird mit jedem weiteren Paar pände, das die zunehmende
Bevölkerung bringt, die produktive Rraft der Arbeit mehr als nur
verhältnismäßig vermehrt. Daher kann bei zunehmender Bevölke
rung ein Zurückgreifen auf die geringere natürliche Produktionskraft
vicht nur ohne Verminderung in der durchschnittlichen Güterproduktion
George, Fortschritt und Armut. \2