40 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
für die Bildung politischer Meinungen keineswegs so sehr von den
praktischen Bedürfnissen des Augenblicks, wie von Prinzipien aus—
ging: nicht realpolitisch, sondern ideologisch war demgemäß der
Charakter des neuen Denkens; nicht induktiv, sondern deduktiv
verfuhr man; und war im Einzelfalle de lege ferenda zu reden,
so gaben nicht Interessen, sondern Grundsätze den Ausschlag.
Es ist das Wesen deutsch-politischen Denkens noch weit
über die vierziger Jahre hinaus, durchaus bis 1848 und noch
tief hinein in die fünfziger Jahre geblieben; und erst die
Zeit der Reaktion, die Weiterentwicklung des Wirtschafts⸗
und Gesellschaftslebens der Unternehmung und der Vorgang
Bismarcks hat zu einem realpolitischen Denken von Interessen-
gegensätzen aus hinübergeführt.
Für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, vor allem für
die Zeit vor 1840 war damit gesagt, daß das politische Denken
wurzelhaft von den großen Bewegungen auf dem Gebiete der
Philosophie, der Wissenschaft, ja noch der Poesie: also von
Dichten und Denken überhaupt auszugehen habe; und eben
darin, die einzelnen Schattierungen festzustellen, in denen es
sich von dieser Plattform her ins Konkret-Politische abwandelte,
beruht der hohe Reiz seiner Erforschung.
Unter diesen allgemeinsten Umständen nun mochte es von
vornherein zweifelhaft sein, welche politische Anschauung sich
früher und reicher entwickeln werde, die konservative oder die
liberale. Die liberale hatte, wie man leicht sieht, von vorn⸗
herein alle Vorteile der Deduktion für sich: denn da sie vom
Gewordenen und dem Werden, wie es seinerseits aus dem Ge⸗
wordenen unmittelbar hervorgeht, abzusehen geneigt war, so
mußte es ihr scheinbar leicht fallen, die Neigung der Deduktion
zur Aufstellung eines allgemeinsten Systemes auszunutzen. Indes
wir werden bald sehen, daß dies ein Vorteil war, der doch zugleich
an das Denksystem eines früheren Zeitalters fesseln konnte und
dadurch dem Leben, so wie es nun einmal tatsächlich verlief, nur
zu leicht bis zu dem Grade entfremdete, daß sich zwischen Theorie
und Praxis einstweilen nur eine schmale Brücke zu finden
schien. Der konservativen Anschauung konnte es demgegenüber