Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Strawinski („Geschichte vom Soldaten”, Volksoper) 
und endlich Paul Hindemith, mit dessen „Cardillac” 
die neue radikale Musik zum ersten Male um Heim- 
stätte in der Staatsoper kämpfte. Alle diese Künstler 
tönen persönlich verschieden — Hindemith etwa baut 
alte gebundene Instrumentalformen in die Oper ein, 
neben einer tonal ungebundenen Harmonik und 
einer dissonanten Melodik — alle tönen in ver- 
schiedener Weise, aber alle haben eine Bruder- 
sphäre, deren geistiger Vater Arnold Schönberg ist. 
Als Jüngsten und Letzten, als erfolgreichen Ben- 
jamin sozusagen, muß man (vielleicht wehrt er sich 
dagegen) Ernst Krenek einreihen. Sein „Johnny 
spielt auf” war die Sensations-Premiere der abge- 
laufenen Saison, und gab zu einem wohltuenden 
reinigenden Frühlingssturm in der öffentlichen Mei- 
nung Anlaß. Krenek, dessen Johnny nach Heliane 
aufgeführt wurde, ist die polare Gegen-Erscheinung 
zu Erich Wolfgang Korngold. Wie es einen mageren 
und einen fetten Prosastil gibt, so auch einen 
mageren und fetten Opernstil. Krenek, der zur 
Schule des sportlich-schlanken Ausdrucks gehört, 
unterscheidet sich von Korngold etwa wie eine 
Wassermannsche oder Werfelsche Novelle von 
einer farbenschwelgerischen Erzählung des Rudolf 
Hans Bartsch. Etwa so, genau stimmt dergleichen 
niemals. 
Jedenfalls stellt Krenek (geboren 1900 in Wien) 
einen neuen Typ des Wieners dar, den, der von 
Wien wegstrebt, der Bildung und Schicksal im 
Ausland sucht, der unter internationaler Sonne 
zeifen will: des Lebens Weh, des Lebens Glück 
zu tragen. Auch dieser Wiener mit dem weiten 
Lebensradius, ein Produkt der Gegenwart, mag dem 
Norddeutschen neu und überraschend, doch sym- 
pathisch erscheinen, Deutschland hat ihn denn auch 
zum erstemal bestätigt. Kreneks Johnny spiegelt, 
abgesehen von der Hauptfigur, dem Neger, das 
Leben des Künstlers schon szenisch: Hotel, Bahn- 
hof, Auto, Phantastik der Lichtreklame der modernen 
Straße; in den Alpen-Szenen aber auch das 
moderne Naturgefühl, vielleicht ungewollt die alte 
Landschaftsverbundenheit des Oesterreichers. Krenek, 
der diese Welt für die Oper eroberte, hat jetzt 
in Wien Aufenthalt genommen: ‚so kehrt der wilde 
Sohn am Ende ins Mutterhaus zurück. 
Eine Sonderstellung zwischen diesen Gruppen, 
die einander nicht immer lieben und verehren, 
nimmt Richard Strauß ein. Er bildet eine Gruppe 
für sich. Strauß, zu Anfang des Jahrhunderts der 
Führer der modernen Musik, ist jetzt der führende 
moderne Musiker, und in seinen letzten Werken 
macht sich deutlich ein gewisser Wiener Ton, ein 
Hinneigen zur Wiener Sphäre bemerkbar. Ein 
Schwerpunkt hat sich verschoben. Gewiß kommt 
es aus dem Unbewußten des Künstlers. Der jüngere 
Strauß fand nur mit Selbstüberredung ein Herzens- 
verhältnis zur „Musik jenseits von der Salzach”, der 
iltere fand es wie von selbst, näherte sich vor allem 
Vozart, auch Bruckner, und hat zuletzt nach Wien 
‚ersönlich „heimgefunden”. Der äußerliche Orts- 
wechsel entspringt gewiß einem Befehlsdruck seines 
nnersten Wesens: Strauß. der Bayer, wurde 
Wiener. 
Wiener wurde er auch durch seinen Textdichter 
Tugo von Hofmannsthal, den er nicht gewählt hätte, 
aätte er es nicht gemußt. Er hat dann im „Rosen- 
cavalier” maria-theresianische Lebensherrlichkeit, im 
‚Schlagobers” und „Intermezzo” (eigene Textbücher) 
Wiener Stimmungen und Episoden zu Musik ge- 
nacht; strebt er in der „Aegyptischen Helena” 
n die Romantik der Antike zurück, so ist doch 
Tdelena ÖOÖesterreicherin so gut wie Grillparzers 
>appho Wienerin, und in seiner letzten, noch 
xicht vollendeten Oper „Arabella” geht er ohne 
Vlaske nach Wien zurück. Das literarisch Betonte 
der Beschwerte seiner Textbücher (Ariadne, 
Tdelena) entspricht ganz der geistigen Hochkultur 
der Wiener OÖberschichte, der sein Textdichter 
>ntstammt, der antiquarischen Neigung eines ästhe- 
ischen Aristokraten. Strauß selbst bewahrt ‚dabei 
3Zajuvarentum, das so verwandt dem Wienertum ist, 
md tobt es gelegentlich in den Tanz-Episoden des 
‚Intermezzo” aus, das wirklich ein Zwischenspiel in 
jeinen Höhenwerken darstellt. 
Man weiß, alle Werke des Meisters haben ihre 
Jankbarkeit für die Darstellenden, ihre Spannungen 
ınd Ueberraschungen — hier ist keine Analyse der 
straußischen Kunst zu geben, aber eines zu sagen: 
laß dieses Süddeutschen Arbeitsweise das Gegenteil 
‚on der herkömmlichen Vorstellung „süddeutsch” 
st. Strauß vermöchte gleich Mozart „Noten wie 
3riefe” zu schreiben, aber die Umsetzung des Welt- 
;rlebnisses ins Musikerlebnis geht wie bei Mozart in 
ınmerkbaren gewaltigen Krämpfen vor sich — eine 
1armonische Färbung kann ihn tagelang beschäfli- 
zen — das hundertfach Ueberlegte steht dann wie 
ınüberlegt auf dem Papier, wie eingegeben und ein- 
zeblasen, und Strauß ist in jenem Sinn des Malers 
Whistler vollendet, der eine Arbeit nur dann für 
‚ollendet hielt, wenn die letzten Arbeitsspuren durch 
Arbeit getilgt sind. Vielleicht ist der glatte Ausgleich 
von Wollen und Können, die höchste Gekonntheit 
is zur Kleganz auch ein wienerisches Zeichen. 
Eines sieht man aus. diesem kurzen, zu kurzen 
Abriß: Die zeugende Kraft der alten Donaustadt 
st in den Stürmen der Kriegsjahre, in den Ver- 
ı1eerungen des MNachkriegs nicht erloschen, im 
Gegenteil, sie zeugt lebendig fort. Aus der Saat der 
Drachenzähne wuchsen neue Männer, aus uraltem 
KXulturboden neue Kräfte. Geben zehn Jahre auch 
ıoch nicht das Recht zu einem Huttenschen Be- 
vunderungsruf: „O saeculum . . .!” — ein ver- 
‚eißungsvoller Auftakt sind sie jedenfalls.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.