Riezler hat uns gestern davon erzählt, daß ein „Weltstil“
kommen werde. Er sieht ihn. Ich glaube nicht daran, sondern
glaube: wir sind in der schwierigen Lage, hier Zeitgenossen eines
Werdenden zu sein, von dem uns der historische Abstand noch
fehlt. Ich glaube vielmehr, daß diese Demokratie, die durch die
Weltgeschichte geht, als Erscheinungsform des politischen und
nationalen Lebens, die Völker zu ihrer Form, zu dem Form—
willen aus dem Eigenen zwingen wird. Und es ist für uns im
Augenblick das Interessanteste, daß wir überprüfen, wie weit
denn dieser Krieg mit seinen Erschütterungen die Zusammen—
hänge nicht bloß in der Gegend der Rentabilität für die handels—
politischen Erörterungen geändert hat, sondern ob und wieweit
er in der Formkraft, in der Phantasie, in dem Gestaltungswillen,
in der Gestaltungssicherheit der Völker, der Künstler dieser und
jener Völker eine neue Seele, einen neuen Willen oder nur ein
Versuchen und Experimentieren schuf. Das wollen wir in Paris
heute sehen, wie weit die Dinge sind im Einheitlichen und im
Differenzierten.
Deutschland ist auch hier in gewissem Sinne unterworfen
seiner geographischen Lage zwischen dem Osten des Slawentums
und dem Westen des Lateinertums. Auch das werden wir in
Paris zu sehen haben, ob diese ssawischen Nationen in dem, was
sie dort zeigen, bloß ssawische Romantik vorgeführt wird, oder ob
aus dem Slawentum in diese Zeit neue schöpferische Dinge hin—
ein dringen. Wir werden zu spüren haben — das ist kein Suchen
nach individueller Art —, ob in dem, was die Russen heute
machen, nun lediglich wieder manifestierte Kunst ist, ob es nicht
bloß diktierte Kunstliteratur ist, sondern ob es einen gebundenen
schöpferischen Willen hat. Bei uns ist ja die Produktion in Mani—
festen erfreulicherweise zurückgegangen, unsere Kunst hat nicht
mehr diesen literarischen Charakter, der sie in den Jahren von
1918 bis 1921 ausgezeichnet hatte, wenn man so sagen will,
sondern wir sind, wenn ich richtig sehe, jetzt in diese Zone ein—
zutreten, aus dem Literarischen und aus der Sensation der
ewigen Problemstellung zu einer sachlichen Beruhigung zurück
zukehren.
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