Das Wesen der Gesellschaft.
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ursprünglich gegeben. Abzuweisen ist die verbreitete Anschau-
ung, ursprünglich sei nur eine Welt der Sachen (d. h. hier lediglich eine
Körperwelt) gegeben und erst nachträglich durch ein mittelbares Ver-
fahren werde aus ihr ein Bezirk der sozialen Wesen (d. h. hier ein Be-
zirk beseelter Wesen) herausgearbeitet. Diese Anschauung ist weder nach
der logischen noch nach der psychologischen Seite hin haltbar. Man muß
diese beiden Seiten ihrer Meinung freilich auseinanderhalten, was nicht
immer geschieht. — In logischer Hinsicht behauptet der Positivis-
mus bekanntlich: anschaulich gegeben sind uns nur Körper. Daß einige
davon auch Träger seelischer Zustände sind, wird erst durch ein Schluß-
verfahren sichergestellt. Dieses Schlußverfahren enthält einen Analogie-
schluß und hat zur oberen Prämisse einen Satz von der Art: Wesen, die
mir in ihrem wahrnehmbaren Verhalten ähnlich sind, sind mir auch in
ihrem Wesen ähnlich — ein Sat, der für den strengen Positivismus über-
haupt nur hypothetische Geltung besigt. — Es läßt sich gegen diese Auf-
fassung der Einwand erheben: mit demselben Rechte könnte man be-
haupten, auch die Existenz von Körpern sei nur erschlossen, — indem
nämlich unmittelbar gegeben nur Empfindungen seien. Man kann sich
diesem Einwand nur entziehen, wenn man zugibt: es gibt eine objektive
Welt, die sich uns in unseren Empfindungen kundtut. Wird das zugegeben,
so fragt sich dann weiter, von welcher Art diese Welt ist. Maßgebend
für die Beantwortung dieser Frage kann nur der Inhalt unserer ursprüng-
lichen (d. h. von keiner Theorie bereits umgestalteten) Erlebnisse sein.
Diese Erlebnisse aber weisen, wie wir gezeigt haben, auf zwei verschie-
dene Welten hin.
Die in Rede stehende positivistische Anschauung enthält den Ge-
danken in sich, alles Seelische wie Affekte und Triebe, Stimmungen und
Meinungen sei uns nur als etwas Inneres gegeben (im Gegensaß zu
dem äußeren Gegebensein der Körperwelt). Die ganze Ausdruckstätig-
keit (dieses Wort im weitesten Sinne verstanden) wird dabei aufgefaßt
als eine Reihe von Symptomen, die lediglich einen Schluß auf eine innere
Welt gestatten. Es gibt freilich Fälle, in denen die Distanz zwischen
dem Ich und dem andern beseelten Gegenstand so groß ist, daß diese
Auffassung zutrifft. Dahin kann gehören z. R. die Betrachtung des
Verhaltens eines niederen Tieres, das uns in seinem ganzen Verhalten
sehr fern steht, oder diejenige einer einzelnen Gebärde eines uns inner-
lich völlig fernstehenden Menschen. In derartigen Fällen fassen wir aber
einen solchen Gegenstand auch überwiegend nicht als Glied der Sozial-
welt sondern als Bestandteil der Sachwelt auf. Für diesen legsteren Fall
trifft die Meinung vom Erfassen des seelischen Lebens durch den Schluß
restlos zu; ihr Unrecht beginnt erst da, wo sie, wie es überwiegend ge-
schieht. auch auf alle Gegenstände der Sozialwelt ausgedehnt wird. Von