Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.
209
An einigen Stellen scheint Sismondi schon die MAnx’ische Theorie
des Mehrwertes anzukündigen, indem er sich des Ausdruckes „Über
wert“ (Mieux-value) bedient 1 ). In Wirklichkeit sind das aber nur
Wortanalogien. Wenn Sismondi vom „Überwert“ spricht, will er
damit den stetig wachsenden Wert bezeichnen, der in allen fort
schrittlichen Ländern jährlich nicht nur von der Arbeit allein, sondern
dank dem gemeinsamen Zusammenwirken von Arbeit und Kapital
geschaffen wird 2 ). Die Idee, die Marx aufstellte, daß die Arbeit
allein den Wert schafft, und daß infolgedessen der Gewinn und die
Zinsen einen Diebstahl darstellen, der an dem Arbeiter begangen
wird, ist ihm völlig fremd. Sismondi erkennt wohl an, daß die
Einkünfte des Großgrundbesitzers und des Kapitalisten auf einer
Arbeit beruhen, die sie nicht getan haben; mit Recht unterscheidet
er das Einkommen aus Arbeit und das aus Eigentum; aber in seinen
Augen ist das letztere nicht weniger berechtigt als das erstere, denn,
sagt er, diejenigen, die von einem Einkommen ohne Arbeit profitieren,
„haben ein andauerndes Recht darauf erworben durch eine „pri
märe“ Arbeit, die die „gegenwärtige“ Arbeit vorteilhafter gemacht
hat“ 3 ). Wenn Sismondi schreibt, daß der Arbeiter beraubt wird,
so will er damit einfach sagen, daß manchmal der Arbeiter nicht
genügend bezahlt wird, nicht genügend erhält, um davon leben
>) N. P., I, S. 103.
2 ) Wir stimmen in diesem Punkte nicht mit der Darlegung, die Aftalion von
dieser Stelle in seiner, übrigens ausgezeichneten Monographie: L’OEuvre eco-
nomique de Simonde de Sismondi, Paris, 1899, gibt, überein, wie auch nicht
mit der, die Denis in seiner Histoire des Systemes economiques, II, S. 306,
ausführt. Der Text Sismondi’s scheint uns keinen Raum für irgendeinen Zweifel
zu lassen; „Im Gegensatz zum Boden könnte man die beiden anderen Quellen
des Reichtums zusammenfassen: in das Leben, das die Arbeitsfähigkeit gibt, und in
das Kapital, das die Arbeit entlohnt. Wenn diese beiden Mächte vereinigt sind, so
besitzen sie zusammen eine Expansivkraft, und die Arbeit, die der Arbeiter in
einem Jahr vollbringt, wird stets mehr wert sein, als die Arbeit des vorhergehenden
Jahres, die dem Arbeiter den Lebensunterhalt geliefert hat. Infolge dieses Über
wert es (Mieux-value), der um so größer ist, Je größer der Fortschritt, den die
Kunstfertigkeiten und die Wissenschaft in ihrer Anwendung auf das Kunstgewerbe
gemacht haben, erzeugt die Industrie ein beständiges Wachstum des Reichtums“
(N. P., I, S. 103).
3 j N. P., I, S. 111—112. Ygl. auch S. 87: „Der Reichtum Jedoch nimmt an
seiner Arbeit teil, und der, der ihn besitzt, nimmt dem Arbeiter, als Gegenwert
für die Hilfe, die er ihm leistet, einen Teil dessen, was der Arbeiter über
seinen Unterhalt hinaus, erzeugt hat.“ — Dieser Teil ist allerdings groß: „Der
Unternehmer bemüht sich, dem Arbeiter nur gerade das zu lassen, was ihm zum
Leben notwendig ist, und behält für sich selbst alles das, was der Arbeiter über das
zum Leben notwendige hinaus erzeugt hat“ (ebenda, S. 103). Diese Tatsache hat
aber nichts Zwingendes an sich und ergibt sich nicht, wie bei Maex aus dem Wert
gesetz.
Gide und Rist, Gesoh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen.
14