Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sonderbildungen an den Grenzen des Reiches. — 125 
einer gleichsam für sich stehenden Nation erteilt worden sei. Und 
es entspricht dem, wenn schon im Aufang des 18. Jahr— 
hunderts die beiden wichtigsten schwäbischen Historiker, Otto 
von St. Blasien und der Chronist von Ursperg, zwar vieles 
über Italien, manches über Konstantinopel und Jerusalem zu 
erzählen wissen, aber unbekannt sind mit den Kämpfen zwischen 
Deutschen und Slawen. Das Antlitz der norddeutschen Ent— 
wicklung war seit der späteren Stauferzeit dem Norden, Westen 
und Osten, nicht aber dem Süden, dem Reiche zugewandt. 
Stärkere Verbindung mit dem Reiche behielten dagegen 
im allgemeinen die peripherischen Bildungen an der Westgrenze, 
wie sie sich von den Schweizer Alpen bis zur Mündung des 
Rheines erstreckten. Schon deshalb war das der Fall, weil 
hier dem Reiche stetig Besitz abgebröckelt wurde von einem ein⸗ 
zigen großen Gegner, von Frankreich. Nicht als ob damals 
schon ein lebhafter nationaler Gegensatz zwischen Franzosen und 
Deutschen geherrscht hätte. Gewiß wurde er instinktiv schon 
empfunden, aber seine offene Durchbildung wurde noch immer 
verhindert durch das Fortleben der universalen, kaiserlichen 
Ideen. Indes war doch auch sein Fehlen für Frankreich kein 
Hindernis, immer stärker, mit hundertfachen kleinen Annexionen, 
in das Reich vorzudringen. Diese Politik aber mußte das 
Reich als Ganzes immer wieder in die Schranken rufen. 
Wir wissen nun freilich und werden im weiteren Verlauf 
der Reichsgeschichte immer mehr erfahren, mit wie geringem 
Erfolge das geschah. Schon gehörte Burgund eigentlich nur 
noch dem Namen nach zum Reiche. Im Süden waren die 
Grafschaften Provence und Forcalquier im Besitz der königlichen 
Anjous von Neapel; ihre Eigenschaft als Reichslehen kam 
nur noch in leeren Formen zum Ausdruck. Nach Norden zu 
war noch vor der Mitte des 13. Jahrhunderts der westliche 
Teil der Diözese Lyon ganz an Frankreich verloren gegangen, 
und im Jahr 1271 hatte sich die Bürgerschaft der Stadt Lyon 
unter den Schutz des französischen Königs gestellt. Die Grenz— 
gebiete des Reichs aber, die weiter nördlich noch auf franzö— 
sischem Sprachgebiete den deutschen Rhein-, Mosel- und Maas—
	        
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