I. Rationalisierung und Religion 727
und Freisetzung geistig⸗seelischer, religiöser Energien, sie erstrebt auf
berufspolitischem Wege eine Gleichmäßigkeit der Arbeitsleistung, die
den Hang zur Beschäftigung mit außermateriellen Wertsphären zu
fördern in der Lage ist.
Auch die Entsinnung der Arbeit durch Automatisierung und Mecha⸗
nisierung beeinträchtigt diese Wirkung kaum. Denn auch sie kann
durch den Dienst an der Totalität, den Dienst an der Gemeinschaft,
insbesondere im Beruf kompensiert werden. Kennzeichnend für die
Stellung der katholischen Kirche zur Berufsethik ist die Meinungs⸗
äußerung eines der repräsentativsten Köpfe der katholischen Sozial⸗
politik, des Praͤlaten und früheren Generalsekretärs des Volksvereins
für das katholische Deutschland, August Pieper, bei Gelegenheit der
Generalversammlung der Gesellschaft für Sozialreform im Jahre
1921. Er trat der Behauptung entgegen, daß der Arbeiter im Groß⸗
betrieb an der schablonisierten Arbeit keine Freude mehr habe. „Jene
Pauschalverdammung der Arbeit im Großbetrieb ist weithin Über⸗
treibung.“ „Auch in der Teilarbeit nimmt der geistig regsame Arbeiter
an dem Werden des ganzen Werkes teil, das sich meist unter seinen
Augen abspielt ...“ „Was aber kann der Arbeiter auch der dauernd
gleichförmigen Arbeit an seelischen Werten geben, die ihm wachsende
Befriedigung bieten? Alle diese Werte liegen nicht in seinem Ver⸗
haͤltnisse zu den Dingen, sondern zu den Menschen, mit denen er zur
Lebensgemeinschaft verwächst .. Stolz, Pflicht ist es dem Manne
von sittlichem Bewußtsein, Ehre für sich einzulegen, für seine Arbeits—
gemeinschaft in der Werkstatt, für die er heute auch öffentlich aner⸗
kannte Verantwortung tragt; Ehre einzulegen für seine Berufs⸗
organisation, für seinen Berufsstand... Die Wiedergeburt zum
Berufsarbeiter aus dem Berufsethos ist die große völlig neue Aufgabe,
welche der Arbeiter zu lösen hat in der ganzen Eigenartigkeit seines
Berufs; dieser wächst sich dann zum Berufsstande aus, wiederum ganz
neu und eigenartig, in starker Auswirkung des irrationalen Genossen—
schaftsgedankens, der auch im Sozialismus steckt.“ Man sieht, es