II. Rationalisierung und Ethik
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auch in den Kleinkünsten derjenige, der er im letzten halben Jahr⸗
hundert war: Künstler, Kunst und rein theoretisches Kunstschwärmen
auf der einen Seite, der alte völlige Ungeschmack und die blanke
Unfaͤhigkeit, sich in seiner eigenen Umgebung geschmackllich zu be⸗
tätigen, auf der anderen Seite ).“ Auch nach dem Durchbruch der
„neuen Kunst des Jugendstils“ bleibt die Beziehungslosigkeit zwischen
den Künstlern und dem Publikum fortbestehen. Es „kauft Vasen im
Jugendstil, Nippessachen, Möbel, ja ganze Jugendstilzimmerein⸗
richtungen gerade so, wie es vorher die nachgeahmten Rokokosachen
gekauft hat, oder das was man etwa an sogenanntem englischen Stil
in Deutschland hervorgebracht hat“ *x). „Wer von der älteren Ge⸗
neration Kunstinteresse hat, schweift noch immer in der rein theo⸗
retischen, zur Zeit des ,Idealismus üblich gewesenen Weise bei den
Griechen und Römern, bei Raffael und Marillo umher, ohne auch
nur daran zu denken, daß es etwas Ahnliches wie künstlerische Selbst⸗
betaͤtigung in der Gestaltung seiner häuslichen Umgebung gibt xXxX).“
Wir werden in dem Abschnitt „Rationalisierung und Kunst“ die
Gründe schildern, die für eine Besserung unserer allgemeinen kul⸗
turellen Situation im letzten Jahrzehnt maßgebend wurden. Hier kam
es uns nur darauf an, zu zeigen, daß und wie sehr das Auseinander⸗
treten von Objekt⸗ und Subjekt⸗Kultur ein gutes halbes Jahrhundert
hindurch die Einheit des kulturellen Lebensausdruckes, den „Stil“
der Zeit unmöglich gemacht hat. „Stile“, das waren in der 2. Hälfte
des 19. Jahrhunderts jene vom künstlerischen Bewußtsein der Men⸗
schen unabhängigen Normen, jene autonomen Formgebundenheiten,
die gleichsam als Gegenpartei dem Subjekt gegenüberstanden, darauf
wartend, verwertet oder verworfen zu werden, unabhaͤngig von den
lebendigen Interessen und personellen Wirksamkeiten der Menschen,
unmaßgeblich für den geistigen Grundgehalt ihrer Epoche.
x) Hermann Muthesius, Kunst und Kultur, S. 6/7. Verlag Eugen Diederichs,
xx) Hermann Muthesius, a.a.O., S. 11. Jena 1909.
xxx) Hermann Muthestus, a.a.O., S. 6.
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