V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 1. Die Landwirtschaft 67
zu gelangen, so würde zweifellos die Abwanderung vom Lande, die
„Landflucht“ eingedaäͤmmt und die Siedlungsbereitschaft gesteigert
werden können. Damit aber würde die Lösung eines Problems ge⸗
fördert werden, das national wie kulturpolitisch von größter Bedeu⸗
tung ist. Die ländlichen Bezirke in Deutschland haben unter Berück⸗
sichtigung des Geburtenüberschusses von 1900- 1910: 1 079 587 Per⸗
sonen, 1910 — 1919: 20 782 Personen, 1919- 1925 rund 620 ooo Per⸗
sonen, in 25 Jahren also rund 18/. Millionen Bewohner verloren. Daß
es sich hierbei nicht nur um überschüssige Bevölkerungsteile handelt, die
in der Landwirtschaft keine Beschäftigung mehr finden, erhellt aus der
Tatsache des Einströmens ausländischer Arbeitskräfte in die Bezirke
mit Wanderungsverlust. Bei Kriegsbeginn waren im Jahre 1914
nicht weniger als 430 ooo auslandische Arbeiter in der deutschen Land⸗
wirtschaft beschäftigt. Diese Zahl ist während des Krieges und der
Nachkriegszeit zwar fortlaufend gesunken, betrug aber im Jahre 1927
immer noch 138 000. Dabei sollen die sozialen Ursachen der Land⸗
flucht keineswegs verkannt werden: vor allem nicht die moralisch und
tatsächlich schwer ertraͤgliche Abhaͤngigkeit des Landarbeiters vom
Arbeitgeber, die Hofgängerstellung, die vielfach zur Abwanderung
gerade der jungverheirateten Landarbeiter ohne arbeitsfaͤhige
Kinder führt, und die unzureichenden Wohnungsverhältnisse auf
dem Lande.
Gerade in letzterer Hinsicht ist durch die Rationalisierung der Bau⸗
wirtschaft (siehe nächstes Kapitel) in den letzten Jahren zwar manches
gebessert worden, ohne daß jedoch bei dem sehr starken Bedarf der
Landwirtschaft an Neubauten eine fühlbare Rückwirkung auf die
Landflucht bisher eingetreten waäͤre. Das Reich und die einzelnen
Staaten haben sich deshalb neuerdings entschlossen, größere Mittel
für den Bau von Werkhaäusern und Landarbeitereigenheimen zur Ver—
fügung zu stellen. Auf diese Weise ist es gelungen, eine große Anzahl
nicht selbstaͤndiger Landwirte (Kleinbauern, Bauernsöhne) dem Lande
zu erhalten.