V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 69
Organisationsbegabung oder der Kunstsinn der Städter, sondern die
physische und psychische Energie der Landbewohner. Jeder Aufwand
für das Wohl der Landwirtschaft ist daher gleichzeitig Dienst am Volke,
Dienst an der Nation. Es wäre um die Volkskraft Deutschlands noch
schlechter bestellt, als es dies ohnehin schon ist, wenn der Geburten⸗
überschuß des Landes den Geburtenrückgang der großen Städte nicht
in etwa kompensieren würde. Berlin benötigt beispielsweise den
Geburtenüberschuß von Ostpreußen, Pommern und Brandenburg, um
sich seine Einwohnerzahl erhalten zu können. Ahnlich liegen die Ver⸗
hältnisse in den meisten anderen Großstädten *). Nach Professor Grot⸗
jahn darf die Zahl der Lebendgeburten nicht unter 20 auf das Tausend
sinken, wenn nicht die Erhaltung der Volkszahl in Frage gestellt sein
soll. Auf diese Mindesterhaltungszahl ist Deutschland in den letzten
Jahren herabgesunken und hätte sie schon längst unterschritten, wenn
der Geburtenüberschuß der landwirtschaftlichen Bevölkerung es nicht
davon bewahrt hatte. Auch unter bevölkerungspolitischen Gesichts⸗
punkten ist sonach die Hebung der Lage der Landwirtschaft durch
Rationalisierungs maßnahmen aäußerst bedeutungsvoll.
2. Die Industrie.
Ausgedehnter als in der Landwirtschaft ist naheliegender Weise
die Anwendungsmöglichkeit der Rationalisierung in der Industrie.
Alle technischen, betriebsorganisatorischen, berufspolitischen und wirt⸗
schaftsorganisatorischen Maßnahmen lassen sich dort leichter und be⸗
quemer anwenden als in der Landwirtschaft. Zwar gilt auch hier das
Gesetz des abnehmenden Ertrags, wonach von einer gewissen Nutz⸗
schwelle ab der Mehraufwand nicht mehr zum Mehrgewinn führt, die
Produktivität eines Betriebs nicht weiterhin proportional mit der
Vermehrung der Arbeitsmittel wächst. Allein durch Arbeitsteilung
*) Professor Grotjahn: Zum Bevölkerungsproblem in „Weltwirtschaft“,
Märzheft 1927, S. 51.