auf Baumwollgewebe angewiesen waren, bei der Deckung ihres Bekleidungs-
bedarfes allgemein auf Wollstoffe übergehen konnten.
So wie heute hatte die Brünner Wollindustrie damals den Charakter einer
ausgesprochenen Exportindustrie, Von einer Jahreserzeugung im Werte von
zirka 23 Millionen Gulden wurde etwa ein Drittel im Auslande, und' zwar vor
allem in den Vereinigten Staaten von Nordamerika abgesetzt, die etwa die Hälfte
der Brünner Ausfuhr aufnahmen.
Die Nachtragskonvention mit England vom Jahre 1869, durch die
die österreichische Wollindustrie des Zollschutzes fast gänzlich beraubt wurde,
eine den Export beeinträchtigende Verschiebung der Währungsverhält-
nisse und schließlich der große Börsenkrach vom 9. Mai 1873 machten der
Hochkonjunktur der Brünner Wollindustrie ein jähes Ende, Erst als im Jahre 1878
durch die. Wiedereinführung eines halbwegs ausreichenden Schutzzolles sich die
Absatzverhältnisse im Inlande besserten, begann sich die Brünner Wollindustrie
langsam zu erholen. Da sich der Verbrauch mit Entschiedenheit den Kammgarn-
stoffen zuwandte, nahm Brünn die Erzeugung von Kammgarnmodewaren
auf und erreichte in diesem Spezialzweige bald die volle Höhe der vorgeschrittenen
Kammgarnweberei Englands und Frankreichs.
Bis an das Ende der Achtzigerjahre erfreute sich der Brünner
Platz einer im allgemeinen befriedigenden Geschäftslage. Schlechte
Ernten, ungünstige Handelsverträge, eine Verschiebung der Nachfrage, die die
von Brünn erzeugten Kammgarnmodewaren vernachlässigte und die vornehmlich