Full text: Die Brünner Wollindustrie 1928

auf Baumwollgewebe angewiesen waren, bei der Deckung ihres Bekleidungs- 
bedarfes allgemein auf Wollstoffe übergehen konnten. 
So wie heute hatte die Brünner Wollindustrie damals den Charakter einer 
ausgesprochenen Exportindustrie, Von einer Jahreserzeugung im Werte von 
zirka 23 Millionen Gulden wurde etwa ein Drittel im Auslande, und' zwar vor 
allem in den Vereinigten Staaten von Nordamerika abgesetzt, die etwa die Hälfte 
der Brünner Ausfuhr aufnahmen. 
Die Nachtragskonvention mit England vom Jahre 1869, durch die 
die österreichische Wollindustrie des Zollschutzes fast gänzlich beraubt wurde, 
eine den Export beeinträchtigende Verschiebung der Währungsverhält- 
nisse und schließlich der große Börsenkrach vom 9. Mai 1873 machten der 
Hochkonjunktur der Brünner Wollindustrie ein jähes Ende, Erst als im Jahre 1878 
durch die. Wiedereinführung eines halbwegs ausreichenden Schutzzolles sich die 
Absatzverhältnisse im Inlande besserten, begann sich die Brünner Wollindustrie 
langsam zu erholen. Da sich der Verbrauch mit Entschiedenheit den Kammgarn- 
stoffen zuwandte, nahm Brünn die Erzeugung von Kammgarnmodewaren 
auf und erreichte in diesem Spezialzweige bald die volle Höhe der vorgeschrittenen 
Kammgarnweberei Englands und Frankreichs. 
Bis an das Ende der Achtzigerjahre erfreute sich der Brünner 
Platz einer im allgemeinen befriedigenden Geschäftslage. Schlechte 
Ernten, ungünstige Handelsverträge, eine Verschiebung der Nachfrage, die die 
von Brünn erzeugten Kammgarnmodewaren vernachlässigte und die vornehmlich
	        
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