Sieg der kirchlichen Ideen über Papsttum u. Kaisertum zugleich. 395
Und war denn überhaupt ein Papst denkbar, der nicht
durch die Machtfülle der römischen Kurie langsam in extrem
hierarchische Anschauungen hinübergezogen werden mußte? Als
später in Eugen III. ein Schüler des heiligen Bernhard den
Stuhl des heiligen Petrus bestieg, da verfehlte Bernhard nicht,
ihn alsbald in seinem Begrüßungsschreiben vor dieser Gefahr
zu warnen: er möge seine Vernunft nicht vom Ehrgeiz besiegen
—D apostolischer Weise, um
Seelen, nicht Gold und Silber zu fangen!. Gleichwohl hat
Eugen schließlich hierarchische Ziele verfolgt, nicht anders, als
Innocenz II. es that, sobald er zur Macht gelangt war. Eben
in dieser psychologisch leicht verständlichen Haltung der Päpste
war für die kirchliche Reformströmung Bernhards die Not—
wendigkeit gegeben, über das Papsttum hinauszugehen, es der
religiösen Bewegung unterzuordnen, wie das im zweiten Kreuz—
zug geschehen ist.
Einstweilen indes stand der Kaiser in seinem Gegensatz zu
den nun auftauchenden hierarchischen Zielen Innocenz II. allein.
Aber er zögerte nicht, ihnen entgegenzutreten. Innocenz konnte
hoffen, daß der Kaiserkrönung ein Zug Lothars gegen Roger,
den normannischen Bedränger des Papsttums, folgen werde:
aber der Kaiser zog alsbald, vermutlich schon Anfang Juni, nord—
wärts; am 28. August bereits war er wieder in Freising. Es
gelüstete ihn nicht nach italienischem Lorbeer; er beugte viel—
mehr in Deutschland die hierarchische Partei und unterwarf
endgültig, 1185, die staufischen Brüder, wenn er ihnen auch unter
dem Einfluß der kirchlichen Parteien und besonders des Papstes
milde Bedingungen gewährte.
Während Lothar so die nächsten Jahre zur Stärkung seiner
Herrschaft in Deutschland ausnutzte?, waren in Italien Wand—
lungen erfolgt, die zu einer völlig veränderten Stellung der
einzelnen italienischen Mächte führten und für Lothar ein sehr
Ep. Bern. Nr. 288.
ꝰ Ins Jahr 1134 fällt Lothars Privileg für die Kaufleute von
Gothland: Bernhardi, Jahrbücher (1879) S. 542 A. 39.