114 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 572
aber sie erreiche, wird meist zweifelhaft sein. Wo sehr große Anderungen von Angebot
und Nachfrage eintreten, wird die Folge für die Wertbildung der Zukunft nicht voraus—
zusagen sein. Die Stadt Charlottenburg hatte auf ganz gleichem Bodenareal 1864:
13 500, 1898: 168 000 Einwohner; die Nachfrage nach Grundstücken wird also etwa
wie 1: 18 zugenommen haben. Der Bodenwert stieg von 6 auf etwa 800 Mill. Mark,
also wie 1: 50. Er könnte je nach den Menschen, der Spekulation, der Bauordnung,
den wirtschaftlichen Machtverhältnissen ebensogut von 6 auf 100 oder von 6 auf 400
zestiegen sein.
Die alte Vorstellung der Manchesterschule, daß mit Angebot und Nachfrage als
festen Größen stets ein bestimmter entsprechender Marktpreis gegeben sei, sich gleichsam
zurch ein einfaches Rechenexempel berechnen lasse, muß damit als vollständig über—
wunden bezeichnet werden.
Ehe wir nun auf die speciellere Analyse der Nachfrage und des Angebotes ein⸗
gehen, fügen wir einige Folgerungen und Betrachtungen hier ein, welche am besten an
diese grundlegenden Bemerkungen über den Tauschwert sich anknüpfen.
178. Folgerungenaus vorstehendem. Gerechter Preis und Wucher.
Das Schwanken des Tauschwertes, wie es von Angebot und Nachfrage erzeugt wird,
bringt Rückwirkungen auf diese hervor; das sich einschränkende Angebot z. B. hebt die
Preise, und diese vermehren wieder das Angebot; die ganze Produktion und der Handel
wird von den steigenden oder fallenden Preisen beeinflußt, wie wir unten des näheren
zeigen werden. Man hat oft und mit Recht in dieser Wirksamkeit des Preiswechsels
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dem Boden der privatwirtschastlichen Interessen sich abspielt, gesehen. Jedenfalls liegt
darin eine notwendige, für unsere Volkswirtschaft unentbehrliche, im ganzen heilsame
Kraft. Und man hat deswegen den weiteren Schluß gezogen: alle Tauschwertsbildungen
seien dem Gesamtinteresse entsprechend, der freie egoistische Marktverkehr „stifte die ge—
jellschaftlich möglich größte Menge reinen Nutzens“ (Schäffle). Aber dies läßt sich doch
nicht so allgemein behaupten, so oft es vom optimistischen Individualismus aus—
gesprochen wurde. Auch Böhm-Bawerk zeigt, daß der Marktverkehr, vom Egoismus
der Individuen bewegt, nach möglichst großen Geldgewinnen strebend, nicht immer das
dem Gesamtinteresse Entsprechende herbeiführe. Er erinnert an die hungernden Irländer,
die sich von Kartoffeln nähren müssen, während der irische Weizen für tauschfähigere
Käufer ausgeführt werde, an den reichen Mann, der zu einem Dutzend Luxuspferde ein
kaum nötiges dreizehntes kauft und es durch höheres Gebot dem Bauer entzieht, der
es für seine Wirtschaft so nötig hätte. Die egoistische Konkurrenz jenes Reichen, fagt
er, bringt gesellschaftlichen Schaden. Doch fügt er bei, daß Derartiges mehr Ausnahme—⸗
älle seien. Im ganzen werde das Resultat des Marktverkehrs doch ein günstiges,
werde eine annähernde Proportionalität zwischen Preisstand und gesellschaftlichen Ver—
'orgungsverhältnissen vorhanden sein. Böhm-Bawerk dürfte für viele Fälle unseres
hJeutigen Warenmarktverkehrs im ganzen Recht haben; aber die Ausnahmen sind zahl—
reich, z. B. auf dem Gebiete der Löhne, der Mieten und sonst; nur wo die wirtschaft—
liche Hrganisation eine besonders gesunde, wo eine hohe Ehrlichkeit und kein Macht—
mißbrauch vorhanden sind, werden wir so optimistisch urteilen können.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die Zufälle der Produktion und der
Konjunktur, die Machtverhältnisse und vollends falsche Gesellschaftseinrichtungen, daß
Betrug und Übervorteilung, einseitige Klassenherrschaft und Machtmißbrauch immer wieder
an einzelnen Stellen Marktwerte schaffen, welche vom Standpunkt der Nation und
ihrer gesunden Entwickelung unheilvoll sind, welche von den betroffenen Kreisen und
den Unbefangenen als schädlich, ja als ungerecht, als Mißbräuche, als Ausbeutung
betrachtet, welche unter Umständen auch von der Gesamtheit und ihren Organen, nicht
bloß von den Benachteiligten bekämpft werden.
Die entgegengesetzte optimistische Auffassung, welche alle Ausbeutung durch den freien
Marktverkehr leugnet, jeden wirtschaftlichen Machtgebrauch auf dem Markte recht findet,
velche die Kategorien der Gerechtigkeit und des Unxrechts auf gar keine Wert- und Preis—