Object: Holländische Wirtschaftsgeschichte

kaum verfügbar sei zu einer Zeit, da ein allgemeiner Bankerott 
drohe; die einen Teil des Reichtums ausmachenden Kolonien würden 
verlorengehen und in die Hände der Engländer fallen!). Obwohl 
den Franzosen diese Darlegung wohl einleuchtete oder doch bald 
einleuchten sollte?), ließen sie sich von der Besetzung nicht ab- 
halten. Über die damalige Natur der Holländer und ihre voraus- 
sichtlich geringe Widerstandskraft war man in Frankreich gewiß 
nicht im Unklaren; hatte doch ein geborener Franzose, der lange 
Zeit in Holland lebte, schon im Mai 1790 geschrieben: er kenne 
die Interessen, die Prätensionen und Rivalitäten unter den einzelnen 
Städten und Provinzen, ihren Ehrgeiz usw.; alles stelle eine un- 
endliche Menge von Parteien im Volk, Unordnung und Verwirrung 
dar; es gäbe kein Land der Welt, wo so viele verschiedene Arten 
des Egoismus wie hier herrschten: Egoismus der Stadt, Egoismus 
der Provinz, Egoismus des Staats oder des Berufs, persönlicher 
Egoismus usw*). Ein Volk von solchem Charakter war allerdings 
leicht zu besiegen. 
Die mit der Besetzung der Niederlande .durch die Franzosen 
1795 beginnende Zeit brachte für dieses Land eine Epoche durch- 
aus revolutionärer, anormaler, ja ungeordneter Zustände, die es 
rechtfertigen, auch wirtschaftsgeschichtlich hier einen Abschnitt 
zu machen. Von vornherein kündigte sich mit der Okkupation, 
dem Sturz der alten Verfassung und der Errichtung einer neuen 
zweifellos nur ein politisches Ereignis an; aber naturgemäß 
waren damit wirtschaftliche Folgen von einer Tragweite verbun- 
den, deren volle Bedeutung man erst viel später erkannte. 
Als die Franzosen in das Land einrückten, fanden sie ein 
Gebiet vor, das mit 2 Millionen Einwohnern bevölkert war und 
mit 3200 Menschen auf die Quadratmeile eine für damalige Ver- 
hältnisse sehr enge Bevölkerungsdichte aufwies. 
Das Land war noch nicht ausgesogen; es hatte große innere Hilfs- 
quellen; und wenn auch seine materiellen Kräfte schon gelitten 
nn ) Manger, S. 89ffi 
*) Colenbrander, Gedenkstukken, IlI, ı. S 37% 
3 Colenbrander), Gedenkstukken, I, 19. So auch Fr.List, a.a.O.,, 
mit Bezug auf die Niederlande: ‚Wie in allen Kaufmanns-Aristokratien, war man 
wohl für einige Zeit, so lange es die Rettung von Leib und Leben, von Hab und 
Gut galt, solange die materiellen Vorteile klar vor Augen lagen, großer Taten fähig; 
tiefere Staatsweisheit stand aber ferne‘‘; es fehlte an „Mächtigem Nationalgeist‘‘. 
Baasch, Holländische Wirtschaftsgeschichte, Q 
Zu
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.