Object : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

94

Zweiter  Teil.  Landet.  IV.  Landelskrisen.

Während  ein  paar  Jahren  wurden  in  einer  einzigen  Stadt  von  Lolland  mehr
als  10  Millionen  für  Tulpen  umgesetzt.  Das  ganze  schwindlerische  Börsenspiel  war
schon  damals  im  17.  Jahrhundert  mit  all'  seinen  Pfiffen  und  Kniffen  im  Schwung.
Die  Aktie  hieß  damals  „Tulpe";  das  war  der  ganze  Unterschied.
Aus  der  großen  Anzahl  von  komischen  Anekdoten,  welche  aus  jener  Zeit  aufbewahrt ­
  wurden,  wollen  wir  nur  zwei  hervorheben.  Ein  Kaufmann  hatte  eine  Tulpenzwiebel ­
  für  500  fl.  gekauft.  Kurz  darauf  brachte  ihm  ein  Bootsmann  fremde  Waren.
Er  ließ  dem  letzteren  einen  frischen  Lering  und  eine  Kanne  Bier  reichen.  Der  Schiffer
sah  die  teuere  Zwiebel  liegen,  glaubte,  es  sei  eine  gemeine,  schälte  und  verspeiste  sie  zu
dem  Lering.  Dieser  Mißgriff  kostete  dem  Kaufmann  mehr,  als  wenn  er  den  Prinzen
von  Oranien  traktiert  hätte.
Ein  Engländer  fand  in  einem  Garten  ein  paar  Tulpenzwiebeln  und  steckte  dieselben ­
  zu  sich,  um  naturwiffenschaftliche  Beobachtungen  an  denselben  zu  machen;  aber
er  wurde  als  Dieb  verklagt  und  mußte  endlich  eine  große  Rechnung  bezahlen.
Der  Schwindel  hatte  bald  ein  ttauriges  Ende.  Im  Jahre  1637  trat  der  plötzliche
Umschwung  ein.  Die  Panik  kam,  das  Vertrauen  verschwand;  Kontratte  wurden  gebrochen, ­
  Exekuttonen  wurden  in  jeder  Stadt  Lollands  angekündigt.  Die  Träume  von
unermeßlichem  Reichtum  waren  verschwunden,  und  diejenigen,  welche  sich  eine  Woche
zuvor  noch  des  Besitzes  von  ein  paar  Tulpen  erfreuten,  deren  Realisierung  ihnen  ein
fürstliches  Vermögen  -eingebracht  haben  würde,  blickten  traurig  und  verblüfft  auf  die
erbärmlichen  Knollen  hin,  die  vor  ihnen  lagen  und,  wertlos  in  sich  selbst,  zu  keinem
Preis  mehr  zu  verkaufen  waren.
Am  den  Schlag  abzuwenden,  beriefen  die  Tulpenhändler  öffentliche  Versammlungen
und  hielten  prächtige  Reden,  in  welchen  sie  bewiesen,  daß  ihre  Ware  so  viel  wert  sei
als  jemals,  und  daß  der  panische  Schrecken  unsinnig  und  ungerecht  sei.  Die  Reden
brachten  großen  Applaus  hervor,  aber  die  Knolle  blieb  wertlos,  und  obgleich  mit  Klagen
wegen  Konttattsbruch  gedroht  wurde,  so  hatten  diese  doch  keine  Folge,  weil  die  Gerichte
sich  weigerten,  von  Spielgeschäften  Notiz  zu  nehmen.  Sogar  die  Weisheit  der  Generalstaaten ­
  in  Laag  wurde  in  Anspruch  genommen,  allein  auch  sie  konnten  nicht  helfen,
wie  es  überhaupt  nicht  in  der  Macht  der  Regierung  lag,  ein  Leilmittel  für  das  Abel
zu  finden.
Viele  Jahre  vergingen,  bis  das  Land  sich  von  diesem  Schlag  wiedererhalte,  und
bis  der  Lande!  von  den  Wunden  wiedergenas,  welche  die  Tulpenmanie  ihm  geschlagen
hatte,  eine  Manie,  die  sich  nicht  bloß  auf  Lolland  beschräntte,  sondern  bis  nach  London
und  Paris  sich  erstreckte  und  in  den  zwei  größten  Lauptstädten  der  Welt  der  Tulpe
einen  erdichteten  Wert  beigelegt  hatte,  den  sie  in  Wirklichkeit  niemals  besaß.

3.  Die  Handelskrisis  von  1857.
Von  Albert  Schäffle.

Schäffle,  Die  Handelskrisis  von  lss?  in  Hamburg  mit  besonderer  Rücksicht  auf  das
Bankwesen.  In:  Gesammelte  Aufsätze.  2.  Bd.  Tübingen,  £j.  Lauxx,  1886.  5.  61—66.
Nach  Beschwichtigung  der  Wellen  der  politischen  Bewegungen  (1848—1851)
warf  man  sich  mit  Last  auf  alle  Zweige  des  wirtschaftlichen  Erwerbes,  die  Industrie
und  den  Verkehr  (Eisenbahnen  rc.),  auf  alle  Zweige  der  Produttion  durch  Gründung
neuer  Anternehmungen,  Ambildung  und  Vergrößerung  der  alten,  endlich  auf  den
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.