fullscreen: Der historische Materialismus

— ———— 7 
— 118 — 
ändert einfach das Wesen der Religion und macht sie aus 
einem Kampfesmittel zu einem Muͤtel der Unterdrückung. 
Und das sehen wir auch in unseren Tagen 
Ergebung, Demut und gelassenes Dulden, diesen Teil 
der Lehre Jesu haben, seitdem das Christenlum ihre Reli— 
gion wurde, die herrschenden Klassen, die für sich selbst das 
Genießen in Anspruch nehmen, den Unterdrückten einge⸗ 
prägt und gegen die Unterdrückten angewendet. Als die 
besitzenden Klassen selbst revolutionär waͤren, wie die Kalo— 
nisten und andere Protestanten, predigten sie sich selbst nicht 
das Dulden, sondern den Kampf. Jetzt aber, wo ei⸗ 
Klasse im Gegensa zu ihnen emporkommt, die nicht dul— 
den, sondern kämpfen will bis sie siegt, da wird die alle 
Religion des Duldens von allen, auch den früher revolutio— 
nären Sekten wieder gebraucht, um wenigstens einen Teil 
der emporkommenden Klassen vom Kampfe abzuhallen 
Es nimmt uns also nicht wunder, daß durch die ber— 
einte Wirkung der noch übriggebliebenen alten Produf— 
tionsverhältnisse, der Tradition und der Klassenherrschaft 
eine alte Religion noch lange ihr Dasein und ihre Kraft 
behält. Daß sie aber dann kein reiches mneres Leben 
mehr hat, sonden erher einem versteinerten Ueberrest ähnelt, 
kann uns ebenfalls nicht verwundern, da wir jeßt wissen, 
daß auch die Religion der Gesellschaft entsprungen is 
Erste Bemerkung. 
In diesem Gebiete der Religion sehen wir jetzt noch 
eine allgemeine Erscheinung sehr deutlich, die wir noch nicht 
erwähnt haben. Wenn eine neue Form in irgendeinem 
Gebiete des Denkens entsteht, dann schwindet die alte nicht 
ganz, sie geht in die neue auf, diese hat etwas vom Alten 
in sich So behielt die proteftantische Religion ein Suͤc 
des Katholizismus, die Lehre Spinoza's ein Suuck des 
Protestantismus, die liberale Lehre etwas von Spinoza, 
der Unglaube der Arbeiter etwas von der Lehre der 
beralen. Dies ist auf jedem Gebiete des Denkeus der Fall. 
Im Recht, in der Politik, der Kunst, der Philosophie, der 
Wissenschaft. Gleichwie an erster Stelle auch die Techmt 
ihre alte Formen in neuen Erfindungen gebraucht. Der 
erste durch Dampf getriebene Webstuhl zum Beispiel war 
dem alten Handwerkzeug noch sehr ähnlich. Wie scharf die 
Ideen einander gegenüber zu stehen scheinen, in ihnen ist 
doch immer ein stufenweiser Uebergang von der einen zur 
anderen. 
Ja, man kann dies sogar noch tiefer sehen: Jede neue 
Gesellschaftsform, jedes neue Rechl, jede neue Politik und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.