Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik. 74 
heiten zu Ausschweifungen bietet. Von Einfluß ist dabei ferner 
noch der in den italienischen Mädchen lebendige Wunsch, sich 
zu verheiraten und „die Besorgnis, durch Erstattung von Gunst- 
bezeugungen der höchsten Art den guten Ruf und dadurch 
die Gelegenheit zur Versorgung zu verlieren, oder da, wo der 
Ehemann entdeckt, daß seine Gattin vor der Ehe nicht rein 
ihre weibliche Ehre bewahrte, den häuslichen Frieden un- 
wiederbringlich zu zerstören‘ 88. 
Die Höhe der Ziffer an unehelichen Geburten, die ein Land 
aufweist, hängt folglich mindestens ebenso als vom Stärke- 
grad der „Moralität‘“ auch von der Stellung ab, welche die 
Frau im gesellschaftlichen Leben jenes Landes einnimmt, was 
seinerseits wieder eng mit den Methoden zusammenhängt, 
denen die Erziehung der weiblichen Jugend unterworfen ist. 
Wo das junge Mädchen unausgesetzier Kontrolle unterliegt, 
zu Hause wie außer dem Hause stets unter dem wachsamen 
Auge der Mutter oder sonstiger weiblicher Verwandten steht, 
kurz, wo sie keine Bewegungsfreiheit genießt, wird die 
illegitime Natalität sich nicht über eine sehr niedrige Ziffer 
erheben können. Desgleichen dort, wo jeder sexuelle Fehltritt 
das Leben des Mädchens der Rachsucht jedweden um die 
Familienehre besorgten und ob des unmoralischen Verhaltens 
erzürnten Bruders oder gar Vetters aussetzt. So ist es erklär- 
lich, daß in den Ländern des südlichen Europa die Tugend des 
jungen Mädchens in allen Volksklassen eine absolute ist, die 
unehelichen Geburten auf ein Minimum reduziert sind und, wo 
sie dennoch vorkommen, wesentlich von ganz anderen Gründen, 
die mit der Geschlechtsmoral nicht das geringste zu tun haben, 
abhängig sind. In einer größere Unabhängigkeit gewährenden 
und erweiterten Tätigkeitssphäre, wie sie gerade als ein Kenn- 
zeichen der technisch und intellektuell fortgeschrittenen Länder 
anzusehen ist, in denen das Weib nicht mehr als ewig Minder-
	        
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