Object: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

1059] Die Berechtigung des Merkantilsystems. 601 
tilistischen Brutalitäten, die sich die Großmächte erlaubten, ein schon im 18. Jahrhundert 
viel besprochenes Gleichgewichtssystem, das dann den großen Teil des 19. Jahrhunderts 
und bis heute vorhielt, das neben den großen Mächten die kleinen erhielt und sie wirt— 
schaftlich vorankommen ließ. 
Von den einzelnen merkantilistischen Maßregeln waren gewiß recht viele falsch; 
viele erreichten ihren Zweck nicht. Auch die richtig geplanten und ausgeführten haben 
mit ihrem starken Eingriff in bestehende Verhältnisse oft nicht sofort, sondern erst 
später dazu beigetragen, den Wohlstand zu heben; sie haben meist nicht direkt Industrie, 
Absatz, Handel schaffen können, mehr nur indirekt über Schwierigkeiten weggeholfen, 
psychische Kräfte entwickelt, den Nationalgeist gehoben, das Zutrauen der Geschäftswelt 
gestärkt, da und dort an Stelle zu schwächlicher individueller Aktionen die staatliche 
Gesamtkraft gesetzt. Das ganze System erzeugte die stärkste und innigste Verbindung 
von Staat und Volkswirtschaft, die bisher in größeren, geldwirtschaftlich entwickelten 
Staaten vorgekommen war. 
Es lag in der Natur der Sache, daß für die neuen großen und schwierigen Aui— 
gaben den leitenden Staatsmännern ebenso oft die Einsicht, der weite Überblick, die breite 
Kenntnis der komplizierten nationalen und internationalen Verhältnisse fehlte, wie die 
Möglichkeit, die rechten ausführenden Organe, integre Beamte, gutes Zollpersonal, lautere 
Kolonialgouverneure u. s. w. sich zu schaffen. Nur tastend, immer wieder fehlgreifend, 
probierend kam man vorwärts. Es ist so verständlich, daß nur wenige große Staats-— 
männer, sowie in jedem Lande nur wenige Epochen als die erscheinen, die das Merkantil— 
system glänzend und ganz erfolgreich durchgeführt haben. Es ist ebenso begreiflich, daß 
der schwer verantwortliche und schwierige Gebrauch politischer Macht für wirtschaftliche 
Zwecke — so notwendig er war, um die neuen Staaten zu schaffen, sie finanziell zu 
heben, ihren Handel auszubilden — immer wieder übers Ziel hinausschoß und miß— 
braucht wurde. Und es konnte ferner nicht anders sein: das wissenschaftliche Nach— 
denken über diese großen Zusammenhänge mußte zunächst teilweise fehlgreifen, mußte 
am Außern haftend, den Geldbesitz, die Industrieförderung, gewisse Handelszweige schief 
beurteilen, mußte zu voreiligen Generalifationen kommen; aber das Gesamtziel der 
merkantilistischen Politik war doch zunächst das richtige. 
Wir versuchen uns die notwendigen Kehrseiten des Systems, die Haupt— 
irrtümer seiner Theorie noch etwas klarer zu machen. 
Der Grundgedanke des Systems, daß die Staatsgewalt ihre Macht für die wirt— 
schaftlichen und Handelszwecke brauchen solle, lag im Wesen der neueren Staatsbildung, 
der geldwirtschaftlichen Arbeitsteilung, des stark anwachsenden internationalen Groß— 
handels, der Ausdehnung der europäischen Kultur' auf alle Erdteile. Auch in aller Zu— 
kunft werden alle großen Kulturstaaten immer wieder an den Punkt kommen, wo sie 
nach innen und außen die politische Macht für wirtschaftliche Zwecke einsetzen müfsen. 
Die entgegenstehende Vorstellung, Staatsgewalt und Wirtschaftszwecke gänzlich zu 
trennen, ist unhaltbar. Nur handelt es sich natürlich in bezug auf ihre Verbindung 
darum, die richtigen Vorausfetzungen hierfür zu finden und dem entsprechend bestimmte 
Maße und Grenzen einzuhalten. Es giebt einen richtigen und falschen Machtgebrauch, 
einen gerechten und ungerechten, einen maßvollen und einen mgßlosen. Die ganze Zeit 
des Merkantilismus neigte im Inneren und nach außen zur Überschätzung und Uber⸗ 
spannung der staatlichen Machtbenutzung. Im Inneren, weil dem aufgeklärten Despo— 
tismus die Gegengewichte fehlten; das Ubermaß von Polizei- und Staatszwang in 
wirtschaftlichen Dingen erzeugte zuletzt das Gegenteil: die optimistische und individua— 
listische Freiheitslehre. Und doch hatte der Machtgebrauch nach innen immer eine 
natürliche Schranke, die nach außen fehlt: das starke solidarische Gefühl der einheit— 
lichen Gesamtinteressen, des Gesamtwohles, die Rücksicht auf die einzelnen Teile, be— 
sonders die schwächeren. Nach außen fehlt dieses Korrettiv. Und daher — zumal 
da das Völkerrecht noch so roh und unentwickelt damals war — so leicht Macht— 
mißbrauch jeder Art gegen andere, zumal die schwachen Staaten, gegen die Kolonien, 
gegen unterworfene Stämme anderer Rafse. Wo freilich in den Zeiten des Meerkantil—
	        
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