79
nicht mehr in unsere moderne Zeit der Groß- und Massenproduktion
gehört? Schon das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie
(1875), ja sein geistiger Ahne, das »Kommunistische Manifest« (1845)
hatten, auf Grund eines — allerdings selbstherrlich gegebenen —
Entwicklungsgesetzes, das Kleingewerbe zum Niedergange und Aus-
sterben verurteilt, und auch heute gibt es Volkswirte und Politiker,
welche dieses Urteil durchaus bestätigen. Es war aber, wie so oft
in der Geschichtslehre ein Fehlurteil. Denn das »Gewerbe« hat sich
in allen Staaten, auch in solchen mit gewaltig emporgeschossener
Großindustrie, in Deutschland, Frankreich, ja auch in England und
selbst in den Vereinigten Staaten durchaus erhalten und sogar —
eben infolge der immer neuen Techniken und Fachindustrien —
neue Blüten getrieben, neue Zweige seinem altknorrigen Stamme an-
gesetzt. Daß das Gewerbe sich erhalten und weiterentwickeln konnte,
ist mehreren Ursachen zu danken: einmal der vis inertiae, die auch
in wirtschaftlichen Dingen sehr mächtig ist; dann dem zunehmenden
Bedarfe an individuellen Mitteln der Bedürfnisbefriedigung (mit
steigendem Wohlstande), daher die Existenzberechtigung der Kunst-
und feinen Modegewerbe; ferner dem Bedarfe an Reparaturen aller
Art; dazu kommen die Gewerbe der persönlichen Dienstleistungen,
Am wichtigsten aber sind, wie schon erwähnt, die Nebengewerbe der
naeuen Industrien und Techniken. Mercier verweist im Abschnitte
‚Rationalisation et artisanat« darauf, daß selbst Ford eine von
seinem Riesenwerke ganz verschiedene Organisation zu Hilfe ge-
nommen habe, die »familiale« Werkstatt und das Handwerk, um
dort Hilfsmittel und Bestandteile für seine Produktion herstellen zu
lassen; natürlich müssen es völlig gleichartige Erzeugnisse sein, um
zur Montage an einem beliebigen Verkaufsorte dienen zu können
Auch die wunderbaren Fortschritte in der Verteilung der elektrischen
Energie sichern dem Handwerke neue, zahlreiche Betätigungsarten. Auf
dem Lande ist eine Mischung von gewerblicher und landwirtschaftlicher
Arbeit, je nach Jahreszeit und Tagesstunde, eine sehr wirtschaftliche
Betriebsform. Aber selbst was die modernen, automatisierten Betriebe
anbelangt, ist hier ausgezeichnete gewerbliche Facharbeit noch durch-
aus nicht zu entbehren, so zur Vorbereitung der Montage, zur
fachgemäßen periodischen Prüfung (Demontierung, Ausbesserung und
Wiederzusammensetzung) der Werkzeuge (Werkzeugmaschinen), die
Äußerst genau arbeiten müssen, wenn sie Präzisionsarbeit verrichten
sollen: für diese Tätigkeiten braucht man sehr geschulte Mechaniker,