Full text : Sittlichkeit in Ziffern?

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Dritter Teil.

verhältnisses der Geschlechtsreinheit des Mädchens und der Treue
der verheirateten Frau tragen aber auch einen rassenmäßigen
Zug. Der Kenner der nationalen Literatur und der Reiseberichte
stößt bei deutschen Autoren außerordentlich häufig auf mit
Geringachtung untermischtes Staunen über die konstatierte
oder vermeintlich konstatierte moralische Minderwertigkeit der
romanischen Frau als Gattin, bei romanischen Autoren ebenso
häufig auf die gleiche mit Entrüstung untermischte Verwunderung
 über das unmoralische oder als solches betrachtete
Verhalten der deutschen jungen Mädchen147, Ähnliche Eindrücke
 beherrschen auch die Franzosen hinsichtlich der englischen
 Mädchen und die Engländer hinsichtlich der französischen
 Frauen148, Der jeweiligen Auffassung entspricht die
Stellung des weiblichen Geschlechts im Roman, in welchem
längste Zeit in Frankreich die Ehefrau, in Deutschland und
(wenn auch weniger) in England das junge Mädchen im Mittelpunkt
 gestanden hat. Das Eindringen moderner Erziehungsgrundsätze
 und der Sportliebe, sowie das größere Überhandnehmen
 der weiblichen Bevölkerungszahl über die männliche
haben in den letzten 15 Jahren freilich auch im französischen
Roman dem Beruf, gesellschaftliche Stellung und Liebesbefriedigung
 suchenden jungen Mädchen einen ansehnlichen

147 F, Fontana, p. 138, ı41; Dario Papa, p. 248; G. A. Borgese,
La Nuova Germania, Torino 1909, Bocca, p. 76ff. — In mancher Hinsicht
 weisen der Norden und der äußerste Süden Europas gerade auf dem
Gebiete der Sexualmoral Berührungspunkte auf, Wenn Guglielmo Ferrero
 in seinem Werke Europa Giovane (1897) das Wartenkönnen der Brautleute
 im nördlichen Europa als ein Zeichen der höherstehenden Sittlichkeit
bezeichnete, so konnte Gaetano Mosca ihm erwidern, daß diese Charakteristik
nirgends mehr als in Sizilien zuträfe, dove frequentissimi si trovano ji lunghi
fidanzamenti preceduti da anni di passeggiate sotto le finestre della fanciulla
amata e di furtivi e cästigati colloqui. (Gaetano Mosca, Il Fenomeno
Ferrero, in der Riforma Sociale, IV, 12, 1898, Sep.-Abdr., p. 16.)
148 Frances Trollope, Paris and the Parisians in 1835, Paris 1836.
Baudry, p. 89ff.,
            
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