Nationale Unterschiede.
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sich von der französischen Grisette dadurch unterscheide, daß,
während letztere mit ihrem Geliebten den Alltag teile, ersteres
sich mit ihm fast nur zur Begehung des Geschlechtsaktes
vereine und folglich in ihm leichter Überdruß erwecke152, Daß
die convivenza, das Zusammenleben, die moralischere, weil be-
ziehungsreichere Form darstellt, ist zweifellos. Aber diese
‘heute übrigens auch in Paris schnell erlöschende oder doch,
wie wir sahen, verkürzte und verengte) menschlich höher
stehende Form ist doch wieder nur unter Voraussetzung einer
laxeren Moralauffassung der Polizeiorgane und des Zimmer-
vermietertums möglich.
Daß bei aus der Moralstatistik herausgearbeiteten inter-
nationalen Vergleichen besondere Vorsicht am Platze ist, erhellt
also von selbst. Die internationale Vergleichung statislischer
Daten hat wirklich nur den Wert „vorläufiger Orientierung
über die relative Bedeutung und das Gewicht, welches ein-
zelnen gesellschaftlichen Erscheinungen des systematisch be-
obachteten Volksiebens zukommt‘“153, Somit ist es völlig
unwissenschaftlich und national befangen, wenn —-— um
Beispiele zu zitieren — Schmoller die für eine bestimmte
Periode festgestellte Tatsache, daß der Höhepunkt der Ver-
brechen in Deutschland auf ein späteres Lebensjahr als in
Frankreich fällt, auf die angeblichen Umstände zurückführt,
daß die ganze körperliche Entwicklung der Romanen eine
[rühreifere sei, dagegen aber die Nachwirkung von Haus und
Familie, von besserer Schule und tieferem religiösen Unterricht
lie deutsche Jugend etwas länger vor Verbrechen be-
152 Willy Hellpach, Unser Genußleben und die Geschlechtskrankheiten.
Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts-
krankheiten, , 1905, Bd. IHM, S. 21; über die geistigen und ästhetischen
Interessen eines Teiles des französischen Dirnentums vgl. auch Michels.
Geschlechtsmoral, S. 50ff., und Parent-Duchatelet, vol. I, p. 151.
15 Inama-Sternegg, Zur Kritik, S. 524.