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Dritter Teil.
wahreli4, Daß auch der junge Jacob Burckhardt der Ober-
flächlichkeit von Reiseeindrücken und aus diesen gezogenen
lächerlichen Schlußfolgerungen nicht entgeht, beweist ein
Brief von ihm aus Paris über den „Männerfang der französi-
schen Frauen‘“ gegenüber der „Begeisterung einflößenden“ Hal-
tung der deutschen Frauen, wobei dieser Vergleich nur den
Besuch eines nach Angabe Burckhardts selbst „ziemlich zwei-
deutigen Balles in den Champs Elys6es‘“ zur Grundlage hat155,
Derartige Aussprüche bezeugen nur, daß die entsprechenden
Schriftsteller von der Häuslichkeit und Familientreue sowie
der Geschäftstüchtigkeit, welche den Durchschnitt der fran-
zösischen Frauen in so hohem Grade auszeichnet!58, keine
Ahnung hatten,
4. Zur Soziologie von Geschlechtsmoral und Ehe,
L’Etat, c'est le grand voyeur.
Ce malotru se croit tout permis.
(Chaughi, p. 297.)
Die Monogamie ist vor allen Dingen aus patriotischen
Gründen häufig in Gefahr gewesen. Auf dem fränkischen
Kreistag zu Nürnberg 1650 wurde den Untertanen mit Rück-
sicht auf die starken Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen
Krieges die Doppelehe obrigkeitlich gestattet und empfohlen 157.
154 Gustav Schmoller, Zur Literaturgeschichte der Staats- und So-
zialwissenschaften, Leipzig 1888, Duncker, S. 192.
155 Werner von der Schulenburg, Der junge Jacob Burckhardt.
Stuttgart-Zürich 1926, Montana-Verl., S. 155.
156 Michels, Zur Soziologie von Paris, Zeitschrift für Völkerpsychologie
und Soziologie, Bd. I, Heft 3/4, Sept./Dez. 1925, S. 360, 363; Michels,
Francia Contemporanea, Milano 1927, Corbaccio, p. 240ff. Über die Er-
scheinungsformen der Liebe in Frankreich hat Otto Grautoff in seinem
Werke „Das gegenwärtige Frankreich‘ sehr viele interessanten Dinge gesagt
(Halberstadt 1925, Meyer, S. 27—43); Oscar A. H. Schmitz (Das Land
der Wirklichkeit, 4. Aufl., München 19714, Müller, S. 231) ist weit banaler.
157 Hanns Dorn, Strafrecht und Sittlichkeit. Zur Reform des deut-
schen Reichsstrafgesetzbuches, München 19097, Reinhardt, S. 5.