Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

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Dritter Teil. 
und die Ehe auf der Basis der Duldung gegenseitiger Sexual- 
freiheit, mindestens ebenso bedauerliche Indizien moralischer 
Dekadenz in einem Volke sind als die Ausbreitung der Bordelle 
oder des Straßendirnentums. Nach dem Weltkrieg hat die 
Kaufehe, durch die pekuniäre Notlage vieler junger Männer 
begünstigt, an manchen Orten ganz phantastische Formen 
angenommen. Freilich haben in der modernen Ehepolitik auch 
noch andere utilitaristische Elemente mitgewirkt. Englische 
Statistiken erweisen, daß in diesem Lande des Riesenüber- 
schusses an jungen unverheirateten Mädchen trotzdem die 
Kriegerwitwen, wohl im wesentlichen wegen ihrer hausfrau- 
lichen Schulung, eine besondere Anziehungskraft besitzen, so 
daß die Männer sich geradezu um sie reißen. Nach den Ver- 
öffentlichungen des Pensions-Ministeriums, das die Krieger- 
witwenunterstützung bei Wiederverheiratung aufhebt, waren es 
nach dem Kriege im ganzen 10300 Witwen von Offizieren, 
denen Pensionen gezahlt wurden. Diese Zahl hatte sich 1922 
auf 9700 verringert. Viel begehrter noch waren die Witwen 
der Mannschaften. Pensionen wurden an 224 700 Soldaten- 
frauen gezahlt. Diese Zahl war 1922 aber bereits auf 140000 
zusammengeschmolzen; es heirateten 1922 durchschnittlich 
2000 Kriegerwitwen im Monat160, Wenn das Heiraten in dem- 
selben Maßstabe weitergegangen ist, so würden sämtliche eng- 
lischen Kriegerwitwen heute wieder verheiratet sein. 
Sogar in das Gebiet der freien Liebe vermag die geld- 
mäßig bedingte Eheschließung einzudringen. Auch hierfür 
möge die Anführung eines historischen Beispiels genügen. 
Während der Pariser Belagerung 1870/71 hatte die Zahl der 
wilden Ehen sehr abgenommen. Der Grund dafür bestand 
darin, daß man in den städtischen Ämtern ‚den Frauen der 
auf den Festungswerken kämpfenden Nationalgardisten die 
Unterstützungsgelder erst nach genommener Einsicht in die 
Be N a _ 
160 Manchester Guardian vom 22. August 19223.
	        
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