Full text : Sittlichkeit in Ziffern?

Geschlechtsmoral und Ehe.

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Heiratsurkunde bewilligte. Um nun dieses 1,50 Franken pro
Tag betragende Geld zu erhalten, beeilten sich viele in’ freier
geschlechtlicher Gemeinschaft lebende Männer, ihr Verhältnis
zu einem gesetzlichen umzugestalten. Der Pariser Witz konnte
sich eine so schöne Gelegenheit zum Spott nicht einmal in
diesen schwersten Tagen der Gefahr entgehen lassen; so bezeichnete
 das Volk diese in rechtmäßige verwandelten wilden
Ehen scherzweise als ‚„mariages ä trente sous‘“161,
Nach einer Schätzung sollen überhaupt mindestens 750% der
modernen Ehen konventionelle, d. h. keine eigentlichen Liebesheiraten
 sein162, Für die Schätzung fehlt natürlich jeder Maßstab,
 sie entspricht nur empirischer Anschauung, kann aber,
wenn von objektiver Seite aus gesehen, immerhin wertvoll sein.
Einen Anhaltspunkt zur Beantwortung dieser Frage gewinnen
wir durch das Überhandnehmen der Methoden der beruflichen
Heiratsvermittlung und Heiratsanzeigen in der Zeitung. Diese
lassen sich sehr wohl sozial-ethisch dadurch gleichsam entschuldigen,
 daß man sie aus den Bedingungen der Engigkeit
und geringen Geselligkeit, welche einen Teil des bedrückten
Mittel- und Beamtenstandes charakterisieren, heraus erklärt 163,
oder auch ökonomisch rechtfertigen, etwa als „Hilfe‘“ zur Befreiung
 vom Angewiesensein auf die Zufälligkeit des unmittelbaren
 Auffindens des „‚Benötigten‘ 164 Auch die Eheberatungs-161

 Eugene Tallon, Vie morale et intellectuelle des ouvriers, Paris 1877
Plon, p. 334/335. .
162 Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, 2. Aufl., Berlin 1909,
S. 226. . |
163 Viktor Mataja, Heiratsvermittelung und Heiratsanzeige, München
1920, Duncker & Humblot, S. 61f. — „Die Ehebewerber setzen sich hauptsächlich
 aus Angehörigen des geistigen Mittelstandes, namentlich Beamten
und Kaufleuten, zusammen. Unter den Frauen sind hauptsächlich berufslätige
 zu finden, aber keine Akademikerin,“ (Philalethes Kuhn, Ehevermittlung,
 im Handwörterbuch d. Sexualwiss., S. 146.)
164 Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Leipzig ı9r0, Duncker
& Humblot, S. 398.
            
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