Ehescheidung.
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bestehende Ehe insofern stärken, als das innere Band und die
idealen Kräfte das Übergewicht in ihr erhalten würden. Vom
weiblichen Standpunkt aus gesehen, könnte die dank der Ver-
sicherung erreichte größere Zuversicht und Bewegungsfreiheit
der Frau den Mann in Schach halten und das Niveau der ganzen
Ehe steigern. Dagegen steht aber das prinzipielle Bedenken, daß
die Eheversicherung das Grundprinzip des Versicherungswesens,
das in der Schwerkraft des Zufalls gegeben ist, durchbricht.
Denn bei der Eheversicherung, die auf freien Willen gestellt
ist, kann von einem Eintreten von Ereignissen, die der Will-
kür entrückt sind, keine Rede sein. Man kann umgekehrt sehr
wohl die Eheversicherung als Anreiz zur Herbeiführung abzu-
wendender Ereignisse bezeichnen. Die Scheidungsversicherung
vermag folglich nur in ihrer Kombination mit einer Eheprämie
etwa in Form einer Versicherung, welche für den Fall der Schei-
dung eine Summe zusichert, die sich mit der Zahl der Ehejahre
steigert und nach einem längeren, etwa zwanzigjährigen Ehe-
bestand ein Anrecht auf die Eheprämie gibt, der verwerflichen
Tendenz zu entgehen, dem Leichtsinn der Eheschließung und
Ehetrennung noch weiteren Vorschub zu Jeisten1%, In Amerika
wirkt der merkwürdige, die Frauen dem Manne gegenüber stets
bevcrzugende Geisteszustand der Richter, der die Ansetzung der
bei Scheidungen fälligen, vom Manne der Frau zu zahlenden Ali-
mente und Monatsgehalte über Gebühr erhöht und durch die
Veröffentlichung der Richtersprüche mit der Photographie der
Begnadeten in der Tagespresse noch die Prämie des Lobes und
dar Berühmtheit verbindet!9?, noch als ein weiteres Stimulans
198 Robert Scheu, Die Eheversicherung, in „Die Frauen-Zeit“, Beilage
der Zeit (Wien), 14. Oktober 1902.
199 So bringt die illustrierte Seite der Chicago Daily Tribune (The
World’s Greatest Newspaper) vom 23. Juli 1927 die Photographie einer
sehr koketten jungen Dame (von der Pacific and Atlantic Photo) mit folgen-
der Unterschrift in großen Lettern: Wins Separation, und darunter Mrs,
Bud Fisher, wife of cartoonist, to get $ 400 a week (Story on page 2).