Einleitung.
nicht ein Land zu beschreiben, und verstieg sich sogar zu
der Behauptung, die Wissenschaft habe in der Statistik den
moralistischen Verhältnissen (L’Etat moral) der Bevölkerung
bessere Forschungsarbeit gewidmet als den physischen*, Auch
die Kritik an der Moralstatistik machte sich schon frühzeitig
geltend; Reybaud bemerkte, die scheinbar erwiesene englische
Elendstatistik halte ebensowenig einer ernsten Nachprüfung
stand als die zwar von Polizeiorganen besorgte, aber auf un-
sicheren Schätzungen aufgebaute Pariser Moralstatistik. Die
Statistique sociale sehe ihre Aufgabe darin, eine Science d’etalage
zu sein: on dirait qu'elle veut emprunter quelque chose ä la
tactique de ces mendiants qui empirent ]l’ötat de leurs plaies
pour mieux exciter la piti6 de la foule. Die Sozialstatistiker
seien. „statistische Romantiker‘, Dramatiker, Ankläger im
statistischen GewandeS, Später wurde der Begriff der Moral-
statistik in Deutschland unter anderem von Oettingen sowie
von Georg von Mayr weiter ausgebildet, welcher in seinem
Lebenswerk (Statistik und Gesellschaftslehre) der Moral-
statistik den ersten Teil der „Sozialstatistik‘“ (die den dritten
Band des Werkes darstellt) gewidmet hat®. Georg von Mayr
definiert die Moralstatistik als „die Statistik der Zustände und
4 P. A. Dufau, Trait6 de Statistique ou Th6orie de 1’Etude des Lois
d’aprös lesquelles se developpent les Faits sociaux. Paris 1840, Delloye.
p- 109.
5 Louis Reybaud, Etudes sur les R6formateurs ou socialistes modernes.
7° 6d. Paris 1864, Guillaumin, vol. II, p. 44£$.
6 Tübingen 1909, Mohr; vgl. ferner Georg von Mayr, Begriff und
Gliederung der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Tübingen 1910, Laupp;
Ders,, Die Berechtigung der „Moralstatistik“, im Allgemeinen : Statisti-
schen‘ Archiv, vol. 4, 1. Halbband, Tübingen 1907, Laupp. — Die gleiche
Richtung war vor allen Dingen in den achtziger Jahren in Deutschland sehr
verbreitet. — Positiv (wenn auch sehr wenig eingehend) zur Moralstatistik
stehen auch G. F. Knapp (Die neueren Ansichten über Moralstatistik,
in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, Jena 1871, Mauke,
vol. XIII, p. 248) und Franz Zizek (Grundriß der Statistik, 2. Aufl.
München 1923, Humblot, S. 289}.