170
Vierter Teil,
dings nicht zu verwundern ist, weil gerade dort die protestan-
tische Bevölkerung sozial und ökonomisch hoch steht*, Aus
demselben Grunde sind ebenfalls die niedrigen unehelichen Ge-
burten bei den Juden zu erklären®., Im katholischen Irland ver-
hielt sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das Verhältnis
der unehelichen zu den ehelichen Geburten wie ı zu 16,47; im
protestantischen Ulster dagegen nur wie ı zu 7,26% Wie auch
noch die Ziffern des ländlichen Bayern zeigen, gibt mithin die
Katholizität allein keine Gewähr für die Geringfügigkeit der
unehelichen Geburtenziffern. Die Moralstatistik rührt also nicht
an das metaphysische Rätsel der menschlichen Freiheit und löst
es folglich als außerhalb ihres Bereiches liegend auch nicht.
Sie dient, wie es Knapp so schön gesagt hat, der Philosophie
trotzdem, aber nur insofern, als sie „das Interesse an den
Fragen, die den Menschen nicht verlassen, wie sehr er sich auch
von ihnen abwenden mag, in die Kreise der verzweifelten Rea-
listen‘ hineinträgt?.
Beiläufig möchten wir noch des religiösen Zwistes Er-
wähnung tun. Denn es konnte angesichts der Erbitterung der
religiösen Kämpfe natürlich nicht ausbleiben, daß Protestanten
und Katholiken, Freie und Fromme sich die Existenz des
geschlechtlichen Elends gegenseitig vorwarfen. Der katholische
Vorwurf bestand vor allen Dingen darin, daß die Protestanten,
wie das englische Beispiel zeige, nicht imstande seien, durch
entsprechende Wohlfahrtseinrichtungen dem Elend und der
4 Mathieu Schwann, Geschichte der Kölner Handelskammer, Köln
1906, Neubner, S. 26ff., 37ff., 41—49, 354—359; vgl. auch Jules
Huret, Rhin et Westphalie, Paris 190%, Charpentier, p. 149.
5 Lexis, S. 786.
6 Nach John Forbes, Memorandum made in Ireland in 1852, zitiert
bei Prosper Baron de Haulleville, L’Avenir des Peuples Catholiques,
Turin 1877, Romano, p. 233.
7 Knapp, S. 249.