Krieg und Nachkrieg.
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Hilfe der regsamen Reklame als Eingangszeugnis.zur äußerst
beliebten und. rentabeln Karriere der Movie-Stars (Kinodiven),
welche zugleich Ansehen, Reichtum, Eleganz sowie Auswahl an
Geliebten und Ehegatten verspricht und somit den Himmel
aller Hoffnungen eröffnet®, Das fast nackte oder raffiniert
verhüllte Zurschaustellen der amerikanischen Girls in Schön-
heitsausstellungen und Wettbewerben erregt in Europa eitel
Staunen.
Die Grundbasen der amerikanischen Ehe sind mithin nicht
sehr fest. An anderer Stelle unseres Buches ist der Beweis für
diese These bereits an Hand der amerikanischen Ehescheidungs-
statistiken erbracht?82. Neben der erschreckenden Tatsache, daß
das Band der Ehe mit größter Leichtigkeit zerschnitten wird,
sehen wir eine mit ihr verwandte, aber nicht notwendigerweise
zu ihr überleitende und daher besonders gefährliche und als
% ‚Was das Mädchen zur Schönheitskonkurrenz treibt, ist erstens seine
Eitelkeit, zweitens das erwachende Bewußtsein, daß seine sexuelle Sehnsucht
keine ‚Schande‘, sondern berechtigt ist, und drittens sein starker amerikani-
scher materieller Sinn. Auch Amerika ist längst kein Frauen-Paradies mehr.
Auch die Amerikanerin kann nicht mehr mit Gewißheit auf die Ehe rechnen,
:ie muß darauf vorbereitet sein, sich selbst zu erhalten. Hinterm Ladentisch
und an der Schreibmaschine kann man nicht annähernd so viel Geld ver-
dienen wie durch Schönheit und Liebe.“ (Gustaf Kauder, Die Gold-
gräberinnen. Zur Naturgeschichte des Girls, im Uhu, II, 9 [1926], S. 62.)
„Der Puritanismus läßt noch immer nur die Ehe als die einzige Normal-
beziehung der Geschlechter gelten. Er will es nicht sehen und nicht wahr
haben, daß. die eheliche Monotonie, die Phantasie und Ästhetik mordet
und deshalb zu Zeugungsunlust, zu Dekadenz führen muß, der Hauptgrund
der heutigen sexuellen Weltkrise ist. Er bleibt prüde und heuchlerisch: er
verurteilt ‚Verhältnisse‘, aber er erleichtert Ehe und Scheidung so, daß man
drüben die meisten ‚Verhältnisse‘ in Form kurzfristiger Ehen eingeht, (Eine
Unzahl amerikanischer Knaben und Mädchen sind zwischen 20 und 25 schon
drei- und viermal verheiratet und geschieden.) Trotzdem spürt er natürlich,
daß die einzige Revolution, die jetzt drüben wütet, die geschlechtliche ist,
aus deren Boden ja diese ganze Girlmode hervorgeschossen ist. Doch dies
darf nicht wahr sein, und deshalb lügt er die ganze Bewegung in eine rein
rassenzüchterische um.“ (Kauder, S. 62.)
982 Vgl. S. 118. unseres Buches.