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Zweiter Teil.
den Juden hat festgestellt werden können, bei denen Festigkeit
des Familienzusammenhaltes und Härte in der Behandlung ge-
fallener Mädchen zu dem gleichen Ergebnis führen. Daher
dann auch die weitere Erfahrung, daß die Dirnen im Judentum
vollständig zu Parias herabsinken, jeden Zusammenhang mit
ler Familie, den ihre christlichen Kolleginnen häufig in dieser
der jener Form behalten, verlieren und {folglich unrettbar
gänzlich der Prostitution verfallen!?, welche sich ja, wie be-
merkt, eben nicht durch Fruchtbarkeit auszeichnet.
Nicht vernachlässigt werden dürfen das Heiratsalter sowie
die Altersgliederung der unverheirateten und zeugungsfähigen
Bevölkerung der beiden Geschlechter. Es erhellt, daß von der
Höhe des durchschnittlichen Heiratsalters die Zahl der ledigen
jungen Personen abhängt. Je höher jene, desto höher auch
diese. Eine Tardinuptialität (Spätheiratsziffer) würde mithin die
Wahrscheinlichkeit hoher Unehelichkeitsziffern ergeben. Frei-
lich nur bei einer Isolierung dieses Koeffizienten, was bei der
komplexen Erscheinungswelt des sozialen Lebens kaum statt-
haft ist.
Die Unstatthaftigkeit dieser Isolierung geht z. B. schon daraus
hervor, daß aus sattsam bekannten Gründen das Verehe-
lichungsalter im Durchschnitt in den oberen Klassen ein viel
höheres ist als in den unteren Klassen18. Bereits Simonde
2 Eugen von Bergmann, Zur Geschichte der Entwicklung deutscher,
polnischer und jüdischer Bevölkerung in der Provinz Posen seit 1824,
Tübingen 1883, Laupp, S. 126.
18 Niceforo, S. 238f£f.; — Bei Clara E. Collet (Educated Working
Women, London 1902, King, p. 43) befindet sich eine Klassifizierung der
Londoner Stadtviertel nach dem durchschnittlichen Heiratsalter, die der
Wohlhabenheit derselben im wesentlichen entspricht. — Über die psycho-
logische Kausalität. der‘ Tardinuptialität beim wohlhabenden jungen Mann,
aber auch beim wohlhabenden jungen Mädchen vgl. Gottlieb Schnapper-
Arndt, Sozialstatistik. Vorlesungen über Bevölkerungslehre, Wirtschafts-
and Moralstatistik, Leipzig 1912, Klinkhardt, p. 196—197. — Über die
soziale Unerfreulichkeit der Tardinuptialität vgl. meine Grenzen der Ge-