Full text : Sittlichkeit in Ziffern?

Brautkinder.

3°

bekannt!4, Auch die Sprößlinge aus außerbäuerlichen Verlobungen,
 bei denen Schwangerschaft eintritt, gehören natürlich
 in dieses Kapitel, falls die Schwangerschaft nicht innerhalb
 der gesetzten Zeit in die Hochzeit einmündet, oder der
Vater vor derselben mit Tod abgeht. In diesem letzten Falle
können jedoch selbst hinsichtlich des Erbrechts die Kinder
partikularrechtlich und bisweilen selbst in der gemeinrechtlichen
 Praxis mancher Staaten als Eheliche gelten.
In manchen Berner Gegenden besteht der sogenannte Kiltgang,
 worunter die Gepflogenheit erotischen Verkehrs des
Liebespaares, freilich nicht eigentliches Recht auf Geschlechtsverkehr,
 sondern „gegenseitiges Berühren, Betasten, Vorweisen
der Leiblichkeit‘“ (also etwa Demiviergismus) verstanden
wird15.

In den höheren Klassen hat das Zusammenleben der Brautleute
 in seinen erotischen oder erotisierenden Formen zu einer
Art von eudämonistischer Philosophie geführt. Als Basis gilt
folgender Gedanke: Zur Vermeidung unglücklicher Ehen
und ihrer Folgen gehört Kenntnis des physischen Menschen.
Bereits Thomas Morus hatte in seiner Utopia den Vorschlag
gemacht, daß sich die Verlobten im Beisein je einer ehremnwerten
 älteren Person der beiden Geschlechter vor der Ehe

14 So berichtet (während z. B. noch Honor6 de Balzac [Physiologie du
Mariage, Nouv. Ed., Paris 1876, M. Lö6vy, p. 72] behaupten konnte, dergleichen
 sei in seinem Vaterlande undenkbar) Hippolyte Taine aus
Douai: „Presque aucun d’eux ne se marie, sans avoir connu sa femme,
Is trouvent ennuyeux d’&pouser une femme qu'ils n’ont pas 6prouv6e,
Mais d’ordinaire, au premier enfant ils 6pousent; manquer au mariage serait
mal vue,‘“ (H. Taine, Carnets de voyage, Notes sur Ia province. 1863—1865,
Paris 1897, Hachette, p- 10.)
% Heinrich Driesmans, Eugenik. Wege zur Wiedergeburt und Neuzeugung
 ungebrochener Rassenkraft im deutschen Volke, Leipzig 1912,
Dietrich, S. 26. — Für Island liegt noch eine interessante Quelle für das
ein Jahr dauernde, freilich im Aussterben begriffene hand-fasting vor (vgl.
Prof. Mavor, Iceland. Some Sociological and other Notes, in den Proceedings
 of the Philosophical Society, Glasgow 1890/91).
            
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