Uneheliche Kinder aus Konkubinaten.
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geführt hat, wenngleich sich aus von Lamartine angestellten
Untersuchungen ergab, daß der Prozentsatz der aus regel-
rechten Ehen geborenen Findlinge sieben nicht übertraf4, Die
Gegner des Findelhaussystems, wie Robert Mohl, gingen in
dessen Verurteilung so weit zu behaupten, selbst die Verhinde-
rung des Kindesmordes sei, wegen der verhältnismäßigen Sel-
tenheit dieses Verbrechens, kein hinreichender Grund für die
Beibehaltung der Findelhäuser. Auch ganz abgesehen davon,
daß von den wenigen geretteten Findlingen ohnehin wiederum
nur wenige sich und der bürgerlichen Gesellschaft zur Ehre
und zum Vorteil gereichten*4t. Das Findelhaussystem hat heut-
zutage auch in Deutschland wieder neue Befürworter er-
halten45. In einigen Staaten Nordamerikas ist es als Resultat
der überhand nehmenden Ehescheidungen zu ähnlichen Ein-
richtungen speziell für eheliche Kinder gekommen, oder sind
doch, wie das Children Bureau des Labor Department fest-
stellt, an die 67% der Insassen von Waisenhäusern aus zer-
rütteten Ehen stammende Verlassene46,
Dem ganzen, unter moralistischen Gesichtspunkten geführten
Kampf um die Interpretation vom Nutzen der Findelhäuser und
dem Abwägen desselben gegen ihren Schaden wird durch eine
weitere Auffassung überhaupt der Faden abgeschnitten, nämlich
durch die Erklärung der Kinderaussetzung aus rein ökonomi-
43 Siehe die für unsere Zwecke sehr wertvolle Rede Lamartines:
Contre-Enquete sur les enfants trouv6es (1839). (Euvres Complötes, vol. IV,
p. Zar.
44 Robert von Mohl, Die Polizei-Wissenschaft nach den Grundsätzer
des Rechtsstaates, 2. Aufl., Tübingen 1844, Laupp, vol. I, S. 4032.
45 Für das neue Deutschland ist die alte Frage wieder lebendig ge-
worden; vgl. Max Nassauer, Der moderne Kindermord und seine Be-
kämpfung durch Findelhäuser, Leipzig 1919, Kabitzsch. Über die mo-
derne deutsche Findelhausbewegung vgl. auch Adolf Weber, Caritäts-
politik (Fürsorge und Wohlfahrtspflege), im Grundriß d. Sozialökonomik,
Abt. IX, Teil II, Tübingen 1927, Mohr, S. 490.
‘ Arnaldo Cipolla in der „Stampa“, 3. Sept. 1929.