Deutschland unter den polit. Nachwirkungen des Dreißigjähr. Krieges. 429
In der Geschichte der Ufergebiete der Ostsee trat schon
um die Mitte des 17. Jahrhunderts unbestreitbar hervor, daß
die Deutschen große Einbuße an Macht und Ansehen erlitten
hatten.
Dänemark war seit der Reformation aufs engste mit den
deutschen Geschicken verflochten gewesen. Mit Inbrunst hatte
seine Bevölkerung sich im 16. Jahrhundert dem neuen Glauben,
den ihr deutsche Prediger brachten, angeschlossen; und dem
Eindringen eines verwaltenden und kriegerischen deutschen Adels
und eines deutschen Herrschergeschlechts aus dem Hause der
oldenburgischen Grafen, wie es schon das Mittelalter ge—
sehen hatte, war jetzt die vollste Invasion geistiger Interessen
gefolgt. Deutsche Lehrer wirkten allenthalben im Lande, die
Sprache bereicherte ihr Lexikon aus den Schätzen der deutschen
Dialekte wie der deutschen Schriftsprache, und Dänen dichteten
in deutschem Sprachgewand.
Zu dieser engen Verschwisterung der Nationen, bei der
das deutsche Volk zunächst das gebende war, war aber, in
gewissem Sinne freilich auch ihr äußerer Ausdruck und Er—
folg, eine ganz in die deutschen Verhältnisse eingreifende Poli—
tik der dänischen Könige gekommen. Veranlaßt und immer
wieder hervorgerufen wurde sie zunächst durch das eigenartige
Verhältnis des dänischen Königshauses zu den Ländern Schleswig
und Holstein. Im Jahre 1460 hatten die schleswig-holsteinischen
Stände den Dänenkönig Christian zum Herzoge des dänischen
Reichslehens Schleswig und des deutschen Reichslehens Hol—
stein gewählt — doch unter der Bedingung, dat se bliven
up ewig tosamede ungedeéelt. Der eigentümlichste Zustand
war damit begründet. Wo lagen jetzt die Grenzen dänischen,
wo die deutschen Einflusses? Schwere Kämpfe, wie sie bis in
das 19. Jahrhundert hinein gedauert und schließlich mit Ende
der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts die Lösung der deutschen
Frage eingeleitet haben, mußten sich einstellen.
Brachen sie nicht alsbald aus, so war das die Folge ein⸗
mal der Ohnmacht des deutschen Reiches, noch mehr aber der
Tatsache, daß das dänische Königshaus bald in zwei Linien
Lamp recht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 28