Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
müssen sich die Spekulanten die Pfunde außerhalb des Devisenmarktes verschaffen,
und zwar nicht kaufen, sondern leihen mit der Verpflichtung, sie später zum
gleichen Kurs wieder zurückzuliefern unter Berücksichtigung einer Leihgebühr,
Je nach der spekulativen Gesamtsituation des Devisenmarktes kann die Leihgebühr
sehr groß ausfallen und dadurch Pfundbesitzer zum Verleihen heranlocken, welche:
sonst dem Markt fernblieben. Sie trennen sich von ihrem wertvollen Besitze nicht
entgiltig, sondern. behalten ihn, da sie ihn ja zum gleichen Preise zurückgeliefert
bekommen, und genießen in der Zwischenzeit die ihren gewöhnlichen Zins über-
steigende Leihgebühr, sodaß sie temporär das Marktmaterial vergrößern. Hier
liegt das Korrelat für die Entlastung des Londoner Marktes vom effektiven Material]
durch die Prolongation. Die Entlastung in London ist quantitativ viel durchschlagen-
der als die temporäre Materialvermehrung in Berlin, Auf die weiteren. Feinheiten der
Prolongationswirkung auf den Markt und den Zusammenhang mit der Geldmarkt-
lage braucht hier nicht eingegangen zu werden.
‚Wenn die Berliner Kursnotierung bei Punkt V—VI—VII angekommen ist, so
gilt für Berlin das, was oben.für London ausgeführt wurde; wenn und da gleich-
zeitig die Londoner Kursnotierung bei Punkt 5—6—7 ‚angekommen ist, so gilt für
London das, was soeben für Berlin gesagt wurde, bis dann bei Kurspunkt VIII
bzw. 8 wieder unsere Ausgangssituation erreicht wird und das Spiel von neuem
beginnt.
Für den sich immer wiederholenden rhythmischen Verlauf der Wechselkurse
zwischen der oberen und der unteren Goldgrenze erweist sich also die „große‘‘
Spekulation als der starke motorische Antrieb der sich gegen den Druck auf den
Wechselkurs stemmt, sei es daß der Druck vom Saldo der Zahlungsbilanz, sei es
daß er von der Diskontdifferenz ausgeht. Dieser motorische Antrieb zieht seine
Kraft gewissermaßen aus sich selbst, er diskontiert die zukünftige Entwicklung,
nimmt zukünftige Möglichkeiten vorweg, glättet damit die Kursbewegung und trägt
so seinen Teil dazu bei, den Umschwung herbeizuführen. Je mehr der Kurs sich
dem Umschlagspunkt 3 —. in Berlin dem Kurspunkt II — nähert, um so mehr
verlieren die in Frage stehenden Spekulationen ihren Charakter als „große‘‘,
kühne Spekulationen; der Umschwung steht zu deutlich bevor, sodaß alle Welt
jetzt so klug wird, wie es vorher nur Wenige waren. Alle Welt kauft jetzt
Mark effektiv oder auf Termin — in Berlin alle Welt verkauft jetzt Devisen —
sodaß der Umschwung schon auf Grund dieser Geschäfte eintreten muß. Die
„große“ Spekulation wird immer mehr zur „kleinen“, dafür aber umso zahl-
reicher auftretenden Spekulation.
Der geneigte Leser, der wohl schon manchmal in seinem Leben dem Volks-
mund oder der öffentlichen Meinung folgend, der bösen, eigentlich mit 3 Kreuzen
zu versehenden Spekulation die unmöglichsten Dinge zugetraut hat, wird an dieser
Stelle leicht in das umgekehrte Denken verfallen und erklären, daß auch die
Spekulation — hier wortwörtlich zu nehmen — nicht über ihren. eigenen Schatten
springen könne; die Wiederauflösung der Engagements sei der Schatten, und dieser
sei in der Wirkung so stark wie die ursprüngliche Wirkung der Engagements; der
passive Saldo der deutschen Zahlungsbilanz aber werde dadurch überhaupt nicht
vermindert, so daß der motorische Antrieb dieser Spekulation nur ein nutzloses
Auf und Ab der Wechselkurse erzeuge. Dem ist zu entgegnen, daß bereits dieses
Auf und Ab, selbst wenn es nur ein leeres, börsentechnisches Positionsspiel 1)
1) Zum Begrifflichen einer solchen Erscheinung s. Prion, Die Preisbildung an der
Wertpapierbörse, Duncker & Humblot, München 1910; ferner hierzu auch Prion, Das
Deutsche Wechseldiskontgeschäft, Staats- und sozialwissenschaftl. Forschungen, Leipzig 1907.