Der Bartransfer eine Fiktion. ; 51
lande“ ansehen, über den Wert oder Unwert solcher ausländischen Kapitaleinfuhr
streiten und Gespenster für unsere Währung für den Rückzahlungstermin vorauszu-
sehen glauben, wird der Leser jetzt nicht mehr ernst nehmen bzw. als Verblen-
dung betrachten. In dieser ergötzlichen Verblendung hat allein Schacht recht,
aber nicht mit dem, was er sagt und logisch entwickelt, sondern. mit dem, was er
instinktiv gewollt hat, als er die wahllose Auflage von kommunalen und ähnlichen
Anleihen im Auslande zu verhindern versuchte. Schacht ähnelt mit diesem
Instinkt der Mentalität des alten, unmodernen Bankiers, der stramm den Daumen
auf den Geldbeutel hält und ihn erst öffnet, wenn er von der Rentabilität der ver-
langten Investierung nach Erschöpfung aller Gegenargumente endlich überzeugt
ist. Schacht spricht von der Finanzierung und meinte mit seinen Zweifeln die
auf einer ganz anderen wirtschaftslogischen Ebene liegende Rentabilität der betr.
Anlage in volkswirtschaftlicher Beziehung. Und darin ist ihm zweifellos beizu-
stimmen. Die ungeheuerlichen Summen, über welche die Wirtschaft der öffentlichen
Hand durch ihr Anwachsen und durch die Ausdehnung ihres Tätigkeitsbereiches
heute mit einem Federstrich verfügt, ohne daß der Verfügende Kopf und Kragen
oder überhaupt eigenes Vermögen oder wenigstens seine Beamtenexistenz dabei
riskiert, wachsen sich zu einer grotesken Desorganisation der Volkswirtschaft
aus, weil hier naturnotwendig „objektiv leichtfertig‘ nur verfahren werden kann1l),
Die zwangswirtschaftliche Einhirnigkeit solcher Disposition über das von der
Volksgemeinschaft nur durch Mehrarbeit zu produzierende Kapital, welche die
technische Zweckmäßigkeit vor der wirtschaftlichen Richtigkeit einer Kapital-
investierung rangieren läßt, muß bei dem jedes Maß überschreitenden Umfang
notwendigerweise zu Störungen der Wirtschaftsharmonie, der Assortierung der
Gewerbszweige zueinander und zu einer Herabminderung der Wirtschaftskraft
führen. Hiergegen hat Schachts Instinkt den Beutel zuhalten wollen, aber man
muß zugeben, daß er ein untaugliches Mittel angewandt hat und insoweit seine
Gegner Recht haben, denn irgendwie müssen Emissionen im Ausland für das
bereits bei uns befindliche Kapital getätigt werden, Gegen die Desorganisation der
Volkswirtschaft durch übergroße, lediglich technisch orientierte Kapitaldisposition
bzw. Kapitalinvestierung seitens der öffentlichen Hand muß mit anderen Mitteln
eingeschritten werden. Wertvolle Anhaltspunkte gibt hierzu die bereits erwähnte
Schrift von Bonn, Befreiungspolitik oder Beleihungspolitik? ?).
Nach einer Mitteilung der Industrie- und Handelszeitung Berlin vom 1. 4. 28
ist die über öffentliche Auslandsanleihen verhängte Sperre aufgehoben worden;
zwar habe der Reichsbankpräsident seine ursprünglichen. Forderungen nach spar-
samsier Verwendung der Gelder bzw. Kontrolle über die kommunale usw. Finanz-
gebahrung sehr weit zurückstellen müssen, aber das erreichte Kompromiß sei ein
nicht zu verachtender Fortschritt, sodaß die Regierung die getroffenen Verein-
barungen offenbar für ausreichend ansehe, um die seinerzeit vom Reparations-
agenten erhobenen Bedenken zu zerstreuen. Nach den Informationen der Industrie-
und Handelszeitung lägen im Augenblick 250 Anträge öffentlicher Korporationen
in Höhe von rund 600 Millionen Reichsmark vor; dazu kämen demnächst noch
100 Millionen Mark Pfandbriefe für den Wohnungsbau. mindestens 100 Millionen Mark
1) Näheres Mahlberg, Der Betriebsbegriff und das System der Betriebswirtschafts-
lehre, Grundriß der Betriebswirtschafislehre, Band II, Verlag G. A. Gloeckner, Leipzig 1927;
ferner Mahlberg, Die Krise in der deutschen Wirtschaft, ihre Ursachen und Behebung,
Magazin des Reichsarbeitgeberverbandes Deutscher Gemeinden und Kommunalverbände,
Berlin 1927,
2} S. namentlich a. a. 0. S. 42 und 85.