Full text: Reparations-Sabotage durch die Weltwirtschaft

Die Reparationssummen als Kapitalbildung zu Gunsten Deutschlands, 55 
von Menschen, Schulgebäuden, Straßenbahnen usw., denn dies ist ja der Sinn 
des Kapitals, daß es Produktionsapparat (im weitesten Sinne) ist, bestimmt, von 
da ab von sich aus laufend neue Produkte zu erzeugen, Als Produktionsapparat 
dient es der Gesamtheit, ist es letzten Endes „unfreiwillig sozialisiertes‘‘ Eigentami 
aller, ist es, wenn man so will, Expropriation derjenigen Einkommensteile, die 
der Eigentümer nicht mehr verzehren. kann (!)%), oder nicht verzehren will. 
Die Konklusion der vorstehenden Ausführungen führt zu folgenden Ergeb- 
nissen: 
1. Wenn der Kapitalist sein Eigentum nicht mehr verzehren kann, wenn er 
es zwangsweise der Volksgesamtheit, hier der deutschen, zur Verfügung stellt, wenn 
das Kapital in der deutschen Volkswirtschaft investiert wird, ohne daß und ehe 
es der spätere Eigentümer will, dann kann es im Prinzip gleichgiltig sein, wo 
der Kapitalist seinen Wohnsitz hat. Miternähren wollen wir ihn schon bzw. seine 
Miternährung ist für uns tragbar, denn 
2. erzeugt die Investierung des sich im Milliardenausmaß der Reparations- 
summen bildenden Kapitals bei uns eine Investierungskonjunktur, die große Um- 
sätze und damit Arbeit und Brot für große Teile der Bevölkerung mit sich bringt. 
Die Reparationskonjunktur, die wir offenbar ringsum im Lande sehen ?), schafft 
immer wieder von neuem die Möglichkeit, formal betrachtet den laufend geforder- 
ten Zehnten für Reparationszwecke zu bezahlen, materiell betrachtet, laufend einen 
Teil („Zehnten‘*) der Produktion zur Vergrößerung des Wirtschaftsapparates immer 
wieder zur Verfügung zu stellen. 
Ganz zwanglos ergibt sich jetzt die Erklärung, warum die derzeitige Kon- 
junktur für viele Branchen und Betriebe nur eine „Mengen konjunktur‘“ ist, wie 
die Erscheinung neuestens genannt wird. In denjenigen Branchen, deren Waren- 
preise vom Weltmarkt kontrolliert werden, also unter dem Konkurrenzdruck aus- 
ländischer Erzeugnisse stehen, können die Preise nicht beliebig hoch hinaufgesetzt 
werden, sodaß sie außer den Selbstkosten 1. alle auf das betr. Produkt entfallenden 
Reparationslasten und 2. einen normalen, etwa vorkriegsmäßigen Gewinn decken. 
Der zur Deckung des Gewinns dienende Teil des Verkaufspreises muß sich Ein- 
schränkungen gefallen lassen zugunsten der Reparationszahlungen; das sonst aus 
Gewinn entstehende Neukapital wird jetzt auch gebildet, aber nicht für Rechnung 
der Betriebseigentümer, sondern für Rechnung der ausländischen Staatskassen 
und deren „Rechtsnachfolger‘“. Dies ist in groben Umrissen die Erscheinung der 
Mengenkonjunktur. Vermutlich ist ihr Auftreten in ähnlich starkem Ausmaß zu- 
rückzuführen auf die gegenüber früher erheblich vergrößerte soziale Belastung 
aller Art, worüber hier nicht zu sprechen ist. Im Übrigen werden die unter direktem 
und präzise wirkendem ausländischem Konkurrenzdruck stehenden Branchen ver- 
schieden stark getroffen. Soweit die nicht unter ausländischem Druck stehenden 
Branchen die auf sie entfallenden Reparationslasten in ihre Preise einkalkulieren 
und auf ihre Käufer überwälzen können, vermindern sie die Gewinnchancen 
ihrer nachgeschalteten Käuferbranchen abermals und u. U. sehr erheblich, sofern 
1) Es ist hier nicht der Ort, diese These, die mir eine Selbstverständlichkeit dünkt, 
näher zu behandeln; s. darüber meine Untersuchung über den Betriebsbegriff a, a. O.; für 
die Reparationsbeträge trifft das Nichtverzehrenkönnen im vollen Umfange zu, weil hier 
außerdem noch die Landesgrenze hinzukommt. 
2) Vom „Nilstrom“ des Auslandskapitals spricht Welter, Wachstum, Die 
deutsche Wirtschaft im Jahre 1927, Aufsatzreihe der Frankfurter Zeitung, Frankfurter Sozietäts- 
druckerei 1928, — Siehe ferner Dalberg, a. a. 0. 'S. 21 „Der deutsche wirtschaftliche 
Aufschwung 1927 als Folge der Kapitaleinfuhr‘.
	        
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