70 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
stehen für ein und dieselben Güter bzw. Dienstleistungen (das, was die Staaten
an Sachwerten verbrauchen) 2 privatwirtschaftliche, juristische Kapitalgegenwerte:
1. Das Kapitalrecht der bisherigen Besitzer an diesen Gütern, 2. das durch die
deutsche „Barzahlung“ geschaffene Kapitalrecht der ausländischen. Regierungen,
welche die Güter kaufen. Es entsteht mithin zusätzliche Kaufkraft. Würden die
Staaten statt dessen regelrechtes Staatspapiergeld plötzlich ausgeben, so läge der
Vorgang um nichts anders und wäre allgemein bekannt, Staatspapiergeld und die
Kapitaltitel, aus denen Deutschland schuldig ist, sind beides aus Papier bestehende
Zahlungsversprechen. oder Zahlungsanweisungen, die sich nur durch die Größe
der Stückelung unterscheiden. Die Staaten zahlen in beiden Fällen nicht mit
echter Kaufkraft ihrer Landeskinder, welche ihnen als „Zehnten‘“ zur Verfügung
gestellt wurde, sondern mit papierenen Fiktionen, hinter welchen keine inlän-
dische Kaufkraft steht. Als Folge des Vorganges müssen alle Preise in Frank-
reich, England usw. steigen, denn es kaufen nicht nur die produzierten Güter
und Dienstleistungen sich gegenseitig, sondern hinzutritt die von der Regierung aus-
geübte zusätzliche Kaufkraft.
Selbstredend braucht daraus nicht gleich eine regelrechte Inflation mit Zer.
störung der englischen, französischen usw. Währung zu entstehen, sondern die
Wirkung ist die eines gewöhnlichen Konjunkturaufstieges, bei welchem steigende
Unternehmungslust in steigendem Umfange und in allen Branchen kauft und die
Bankwirtschaft durch ihr Kreditsystem das Delcredere für die Käufe übernimmt.
Es sind Kriegsentschädigungskonjunkturen in Frankreich, England, den Vereinigten
Staaten von Nordamerika usw., wie wir sie nach 1871°in Deutschland durch die
lranzösischen. Tributzahlungen erlebt haben. Während bei der gewöhnlichen. Kon-
junktur die Unternehmungslust und deren Ausdehnung ihren Antrieb aus dem nied-
rigen Zinsstand und vor allem aus der günstigen Preiskonstellatiomn
der Branchen zueinander, wie sie sich in der Depression herausgebildet
hat, erhält, erhält die Kriegsentschädigungskonjunktur ihren Antrieb aus den
großen Beträgen an privatwirtschaftlichem Kapital, an Kapital im finanztechnischen
Sinne, das plötzlich dem Lande zur Verfügung steht. Da sich der Gütervorrat,
nicht ebenso plötzlich vermehrt, so müssen die Preise steigen. Sie steigen nicht
alle parallel, sondern es entsteht die bekannte Preisdispersion, das, was ich an
anderer Stelle!) die Teilung der Preise in «&- und f-Preise genannt habe, und was
las Wesen des Konjunkturaufstiegs ausmacht. Würden die Franzosen, Englän-
der usw. aufgrund steigender Unternehmungslust, steigenden Mutes und ohne den
Hilfsmotor der deutschen Zahlungsfiktion eine steigende Konjunktur inscenieren,
dann hätte ihre Konjunktur zwar die üblichen Mängel, aber sie wäre in sich
riel stabiler, wirtschaftsorganischer und frei-wirtschaftlich richtiger, als die „Kon-
junktur mit geborgtem Mut“ aufgrund eingebildeter Tributzahlungen, deren
Effektivität lediglich in ihrer zwangswirtschaftlichen Störungswirkung besteht.
Man kann den Vorgang auch noch so sehen: Ähnlich wie echtes Papiergeld, ein-
mal geschaffen, solange als Geld existent bleibt und Funktionen ausübt, als es
nicht wieder eingelöst wird, so sind auch die Forderungsrechte auf Deutschland,
einmal geschaffen, zugleich als privatwirtschaftliche Kapitalrechte (Bilanzpassiv-
seite!) existent. Irgendwer muß sie in der Hand halten, und das kann endgültig nur
Jerjenige, welcher entsprechende Beträge gespart hat, denn die Ententeregierungen
verschenken ja die ihnen überwiesenen. Beträge nicht. Französische usw. Sparer
sind. es also letzten Endes, welche gegen ihre Ersparnisse die Titres in die Hand
‘ Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkulations- und Kreditpolitik, a.a. 0.