Full text: Das Jungdeutsche Manifest

Das Standesmenschentum 
Für die breite Masse ist stets die führende Schicht bis zu einem 
gewissen Grade tonangebend. Sie bestimmt den Ton des Lebens, der 
in der breiten Masse angestrebt wird. Sie bestimmt ihn auch dann, 
wenn sie von der breiten Masse abgelehnt oder bekämpft wird. Die 
Lebensgebräuche der führenden Schicht gelten als feine; selbst der 
siegreiche Revolutionär nimmt sie an, sobald er selbst eine führende 
Rolle spielt. Ganz besonders setzen sich aber die Sünden der Führer— 
schicht in der breiten Masse des Volkes fort. 
So wurde die Geisteshaltung des ganzen Volkes 
auch ein getreues Ebenbild der ihrer Verantwortung 
nicht bewußten führenden Kaste. 
Die führende Kaste ließ ihrer Sucht nach Geld und Gütern freien 
Raum. Ihr eigenes Wohlleben vollzog sich vielfach auf Kosten der 
arbeitenden Klassen. Es war daher kein Wunder, daß die breite Masse 
des Volkes diesem Beispiel folgte. Auch hier traten die ideellen Güter 
in den Hintergrund. Die ganze Anschauung des Volkes wurde von 
der materialistischen Lebensauffassung überwuchert. In der Arbeiter⸗ 
bewegung zeigte sich diese Entwicklung darin, daß alle erstrebens— 
werten Ziele auf ökonomischem Gebiet gesucht wurden. Damit entstand 
tene Leere an ideellen Hochzielen, welche die Arbeiterschaft unfähig 
machte, den neugeschaffenen Staat mit einem neuen Inhalt zu er—⸗ 
füllen. Die Revolution wurde zur Lohnbewegung. Der Staat wurde 
amgetauft. Die Hoheitszeichen des Staates wurden geändert. Ein 
aeuer sittlicher Gehalt wurde ihm nicht in erforderlicher Weise ge— 
geben. Die materialistische Weltanschauung wurde zur Grundlage der 
neuen Freiheit. Aber diese Freiheit bestand nur in der Beseitigung 
der letzten Schranken, welche der Ausbreitung von Raffgier und 
Selbstsucht entgegenstanden. Erst nachdem das Volk am eigenen Leibe 
gespürt hat, daß die materialistische Begründung der Freiheit zur 
Verelendung des Einzelnen führt, ist der Ruf nach der ideellen Welt⸗ 
anschauung wieder auferstanden. Die materialistische Weltanschauung 
gründet sich auf der Verneinung der Volksgemeinschaft und auf 
der Schwächung aller sittlichen Begriffe der Gemeinschaft durch die 
gerklüftung des Volkes in ein nach hundert Graden getrenntes 
Standesmenschentum. 
31
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.