Fahrt in das gelobte Land rüstete, nahm ich einen Reiseführer aus den
neunziger Jahren zur Hand. In ihm stand ein Kapitel über das amerika-
aische Geldwesen, das in die Feststellung einmündete, der amerikanische
Dollar werde nunmehr zum Parikurs allgemein angenommen. Heute ist
der Dollar das Standardgeld der Welt, auf das sich die übrigen Wäh-
rungen einstellen. So ist es denn auch üblich geworden, die Vereinigten
Staaten vornehmlich vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu beurteilen,
ihre Leistungen auf diesem Gebiet anzustaunen und vom „amerikanischen
Wunder“ zu reden. Ein allgemeines Wandern von Kaufleuten, Technikern
und Gelehrten zu den Stätten amerikanischen Gewerbefleißes hat begon-
nen. Vor alldem habe auch ich Respekt, doch sehe ich darin nicht die
Hauptsache. Was mir in den Vereinigten Staaten den tiefsten und nach-
haltigsten Eindruck vermittelt hat, ist die Entwicklung ihrer geistigen
Kultur. Dies gilt zunächst für die Wissenschaft. Auf meinem engeren
Fachgebiet sind die Amerikaner führend geworden in der Theorie, in der
Konjunkturforschung und in der Statistik. Der geniale amerikanische
Staatssekretär und Leiter des Department of Commerce hat überdies ein
System weltwirtschaftlicher Zustandserkundung aufgebaut, das auch
vom wissenschaftlichen Standpunkt Bewunderung verdient. Es ist dank-
bar anzuerkennen, daß die wertvollen Arbeiten des genannten Depart-
ment in liberalster Weise der Welt zugänglich gemacht werden. Diese
und andere Verdienste sind für die Rechts- und Staatswissenschaftliche
Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Veranlassung ge-
wesen, Herbert Hoover die Würde eines Ehrendoktors zu verleihen:
die erste Ehrenpromotion dieser Fakultät nach siebenjähriger Pause.
Großen Ansehens in der internationalen Wissenschaft erfreuen sich
ferner die medizinischen Institute der Vereinigten Staaten, die vor allem
auf dem Gebiete der Bekämpfung von Infektionskrankheiten Vorbild-
liches leisten. Auch in der Geographie und Astronomie gehören die Ge-
lehrten der Neuen Welt zu den anerkannten Führern. Daß außerdem die
Vereinigten Staaten in der Fortbildung der technischen Wissenschaften
mit an der Spitze stehen, braucht nicht dargelegt zu werden.
Doch Wissenschaft im engeren Sinne macht nicht den Kern der gei-
stigen Kultur aus. In ihm sind die intellektuellen Werte mit solchen des
Gemüts verbunden. Zur Beurteilung der geistigen Kultur einer Nation
bedarf es daher insbesondere einer Kenntnis ihres weltanschaulichen Rin-
gens nach Form und Inhalt, seiner Auswirkung in Fragen praktischer
Lebensgestaltung und seines Niederschlags in der Philosophie des Landes.
Ich habe während meiner Reise durch die Vereinigten Staaten die Freude
gehabt, häufig mit Volksschullehrerinnen zusammenzukommen, denen be-
kanntlich eine besonders wichtige Rolle zukommt, weil der männliche
Lehrer in den Volksschulen Amerikas der Zahl nach durchaus zurücktritt.
Diese Bildnerinnen wecken und fördern in den jungen Seelen das
Nationalgefühl und helfen der heranwachsenden Jugend in der Erkenntnis
lebensanschaulicher Probleme und ihrer Lösung. Sie sind dazu in hohem
Maße berufen, denn sie stehen mitten drin in diesem gewaltigen Ringen
am den geistigen Inhalt der Nation. Und so überall, wohin man kommt.
Das heutige Amerika nd was sich in ihm vorbereitet, kann weder von
Wallstreet noch von den Kontoren des kaufmännischen und industriellen
Lebens her erfaßt werden. Man muß die Universitäten und Colleges und
die zahlreichen Zirkel der Intellektuellen aufsuchen und die einschlägige
Literatur und Publizistik studieren, um davon den richtigen Begriff zu
erhalten. Die amerikanische Nation tritt mit Europa auf der ganzen
Linie in Wettbewerb. nicht nur in der Wirtschaft. Ich begrüße dies.